Das antwortete das Social Media Team der WDR-Sendung MONITOR am 24.03.2022 einem User auf Facebook, welcher nach der „wirklichen Ursache“ für den Ukrainekrieg fragte.

In der gymnasialen Oberstufe war Geschichte eines meiner Lieblingsfächer. Fragen nach Ursachen und Auslösern waren damals in den Klausuren Gang und Gäbe, und besonders wichtig war immer die Unterscheidung zwischen „unmittelbarem Auslöser“ und „tieferen Ursachen“. Man wollte – so hatte ich zumindest das Gefühl – verstehen, was wozu geführt hat. Wie die großen Katastrophen des 20. Jahrhunderts möglich sein konnten. Man wollte das Geschehene, die einzelnen Handlungen einzelner Akteure in den politischen und gesellschaftlichen Gesamtkontext einbetten. Vielleicht sogar, um aus der Geschichte zu lernen und gefährliche Entwicklungen rechtzeitig zu erkennen.

Jetzt stelle ich mir vor, ich hätte auf die Frage „Bitte erklären Sie, welche Ursachen zum zweiten Weltkrieg geführt haben“ geschrieben:

Hitler hat andere Länder angegriffen. Punkt.“

Ich hätte nicht nur eine glatte 6 bekommen, sondern meine Lehrerin hätte sich in einer Hasstirade darüber ausgelassen, wie dumm und unreflektiert die „Jugend von heute“ sei.

Moralischer Zeigefinger statt Ursachen und Hintergründe

Für das MONITOR Social Media Team, welches immerhin öffentlich eine Sendung vertritt, die das Selbstverständnis hat, ein kritisches, investigatives journalistisches Format zu sein, scheinen aber nicht nur Ursachen, sondern sogar auch Auslöser plötzlich vollkommen irrelevant zu sein. Oder nicht einmal zu existieren.

Auf der WDR-Monitor-Webseite steht unter „Über uns“ zumindest ein extrem hoher Anspruch an die eigene Arbeit:

„Wir fragen nach, zeigen, was hinter Schlagworten steckt. Unser Ehrgeiz ist es, unbequem zu sein für die Mächtigen aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft – und uns stark zu machen für die Schwachen. Unsere Handschrift: seriöse Information, gepaart mit sorgfältiger Analyse. Kritischer, investigativer Journalismus wird in der Redaktion großgeschrieben. MONITOR will Hintergrund liefern, Diskussionen anstoßen, Themen setzen.“

Die kurz angebundene Social Media Antwort auf Facebook wirkt für mich patzig und ich sehe vor meinem geistigen Auge auch einen moralischen Zeigefinger. Als wollte man den Fragesteller unmoralisch darstellen dafür, dass er solche absurden Fragen stellt und damit doch nur von der furchtbaren Tatsache ablenkt, dass Putin die Ukraine angegriffen hat. Als wäre das Bedürfnis danach, weltpolitische Ereignisse verstehen zu wollen, plötzlich fehl am Platz – schließlich herrscht Krieg! (Ja – der wievielte Krieg ist das denn eigentlich überhaupt alleine im 21. Jahrhundert? Oh nein, lassen wir lieber diesen Whataboutismus!)

Ein Blick zurück: MONITOR erläutert Ursachen für den Ukrainekonflikt

Der oder die Mitarbeiter/in des MONITOR Facebook-Teams hat sich dumm gestellt bei der Beantwortung der meiner Meinung nach ehrlich gemeinten Frage. Aber MONITOR ist an sich keine schlechte Sendung, sie kann investigativ sein und ich habe schon viel aus den Recherchen von MONITOR gelernt. Auch zu Themen rund um Russland, NATO und die Ukraine gab es Sendungen, die alle dazu beigetragen haben, dass ich die Situation ein wenig begreifen kann.

Und das hat selbstverständlich nichts damit zu tun, dass ich auch nur entfernte Sympathien dafür habe, dass Staatsoberhäupter und ihre Hintermänner sich erlauben, die Bevölkerungen unserer Welt mit ihren größenwahnsinnigen geopolitischen Ansprüchen und Strategien in Angst und Schrecken zu versetzen. Geopolitik dürfte es eigentlich gar nicht geben.

Jedenfalls brachte Monitor im Jahr 2018 einen Beitrag.

(Anmerking Fauna Flokati im September 2022: Die Monitor-Sendung, auf welche ich mich beziehe, ist inzwischen auf YouTube nicht mehr zu sehen. Inzwischen ist das Video privat gesetzt. Schade, dass Monitor seine eigenen Sendungen nicht mehr zur Verfügung stellt, aber ich hatte es befürchtet.)

Feindbild Russland: Wie der Westen die Konfrontation verschärft

Der Moderator Georg Restle leitet ihn ein mit unter anderem folgenden Worten: „…und trotzdem stellt sich die Frage, ob Deutschland und Europa Russland nicht viel dringender brauchen als je zuvor. Vor allem, wenn es um die Konflikte der Zukunft geht. Das Problem daran: In den letzten Jahren ist jede Menge Vertrauen zerstört worden. Und dafür ist beileibe nicht nur Russland verantwortlich. Im Gegenteil: Die jüngere Geschichte zeigt: Es war vor allem der Westen, der im Siegesrausch des kalten Krieges russische Interessen immer wieder ignorierte und daraus offensichtlich nichts gelernt hat oder nichts lernen will.“

Da haben wir ja schon in der Einleitung einiges, was wir im Geschichtsunterricht damals als „Ursachen“ gelernt hätten. Das Ignorieren von Interessen und Vertrauensverlust zum Beispiel. Im Beitrag selbst wird es dann konkreter, es geht um die Kündigung oder die Nichtratifizierung von Verträgen und die intensive Aufrüstung sowie die schwindende Dialogbereitschaft der NATO. Am Ende spricht Georg Restle sogar nochmal explizit die Ukraine an und macht mehr als deutlich, dass die Lage schon damals angespannt war.

MONITOR-Beiträge zum Themenkomplex Russland, Ukraine, USA und NATO aus dem Jahr 2014

Auch 2014 wusste MONITOR zum Themenkomplex Russland, Ukraine, USA und NATO einiges zu berichten. Der YouTube-Kanal „Gute Unterhaltung“ hat sich die Mühe gemacht, die drei MONITOR-Beiträge in einem Video zusammenzufassen (die martialische Musik im Vor- und Nachspann dabei gerne einfach ignorieren).

Was lernen wir von der MONITOR-Redaktion aus diesen drei Beiträgen?

  • Der Ukrainekrieg begann bereits im Jahr 2014.
  • Die NATO will Russland isolieren. Amerikanische Politikberater sind der Meinung, dies sei ein strategischer Fehler.
  • Der Konflikt in der Ukraine ist ein Konflikt zwischen Ost und West um die Vorherrschaft im Osten Europas. Die NATO steht dabei fest an der Seite der Ukraine. Der US-Präsidentenberater Zbigniew Brzezinski bezeichnete die Ukraine schon in den 1990er Jahren als „neuen und wichtigen Raum auf dem eurasischen Schachbrett“ und einen „geopolitischen Dreh- und Angelpunkt“ (man sieht an diesen Aussagen übrigens auch, was traumatische, zerstörerische Kriege für die mächtigen Geostrategen unserer Welt sind: Sie sind Spiele.)
  • Der NATO-Ton gegenüber Russland ist aggressiv.
  • Es gab in den letzten Jahrzehnten eine starke Ausdehnung der NATO nach Osten an die Grenzen Russlands.
  • Eine intensive „russische Antwort“ auf die Annäherung zwischen NATO und der Ukraine war der NATO klar, wie der Bericht der NATO-Führungsakademie aus dem Juli 2014 schriftlich klarmacht. Das Risiko dieser „Antwort“ ist bedacht und bewusst in Kauf genommen worden.
  • Die USA-Regierung hatte bei der Aufstellung der ukrainische Übergangsregierung 2014 ihre Finger tief im Spiel.
  • Der Ukrainekonflikt steht im Zusammenhang mit wichtigen amerikanischen Wirtschaftsinteressen. Amerikanische Firmen wollen dort durch Fracking Gas fördern. Vor allem im Osten der Ukraine.
  • In Europa konkurrieren die USA und Russland um den Gasmarkt.

Kein Frieden ohne Ursachenkenntnis

Egal, wie überrascht, entsetzt und empört unsere Medien, auch MONITOR und sein Social Media Team, jetzt tun. Egal, wie sehr uns jetzt eingeredet wird, Hintergründe und Ursachen seien jetzt nebensächlich oder nicht einmal existent – schließlich hat Putin die Ukraine angegriffen. Punkt. Mehr braucht man nicht zu wissen.

Die Menschen bräuchten jetzt aber das Wissen, das noch in einigen Redaktionen gerade ungenutzt herumliegt, um die Lage richtig einschätzen zu können und sich ganz klar gegen Aggressionen, Waffenlieferungen und Aufrüstungen auf sämtlichen Seiten zu positionieren.

Und um sich darauf zu besinnen, dass wir Bevölkerungen, auch und zur Zeit vor allem die „großen Helden“ in der Ukraine, die jetzt „um ihr Vaterland kämpfen“, für die abgehobenen Strategen unseres Planeten nicht mehr sind als nützliche Spielfiguren. Oder glaubt irgendwer ernsthaft, wir hätten nicht sofort den Weltfrieden und Kompromissbereitschaft auf allen Seiten, wenn diese Typen aus ihrer Parallelwelt rauskommen und selbst zur Waffe greifen und gegeneinander kämpfen müssten?

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