Kleinkinder puzzeln

Kürzlich habe ich das Buch „Vater Mutter Staat“ des Journalisten Rainer Stadler gelesen. Es trägt den Untertitel „Das Märchen vom Segen der Ganztagsbetreuung – Wie Politik und Wirtschaft die Familie zerstören“ und erschien im Jahr 2014. Es setzt sich kritisch mit der damaligen „Krippendebatte“ in der Politik und den Medien auseinander, aber auch allgemein mit dem Thema der ganztägigen Fremdbetreuung von kleinen und größeren Kindern. Damals war das Thema Ganztagsbetreuung, vor allem von Kleinkindern, viel präsenter in den Medien als heute. Im Alltag hingegen, prägt es heute nach wie vor das Leben zahlreicher Kinder und deren Eltern.

Meiner Meinung nach ist das Aufwachsen von Kindern das mitunter wichtigste gesellschaftliche Thema überhaupt, und doch redet man öffentlich in letzter Zeit kaum darüber, obwohl doch vieles darauf hinweist, dass unsere Gesellschaft nicht gerade ein Paradies für Kinder und deren Bedürfnisse ist, was dann letztendlich auch Auswirkungen auf die späteren Erwachsenen hat. Deshalb hier – gerne auch als Anregung zur Diskussion – meine Gedanken zum Buch „Vater Mutter Staat“ von Rainer Stadler.

Vater Mutter Staat von Rainer Stadler, erschienen im Jahr 2014 im Ludwig Verlag (Verlagsgruppe Penguin Random House)

Selbstreflexion: Warum haben die Bedürfnisse und Wünsche von Kindern für mich so einen hohen Stellenwert?

Die erste Seite des Buchs „Vater Mutter Staat“ ließ mich mich selbst und meine Einstellungen als Mutter reflektieren. Der Autor zitiert den Kinderbuchautor Erich Kästner, welcher sein Talent, Bücher zu schreiben, welche „den Kindern in aller Welt gefielen“ damit erklärte, dass er sich so lebhaft an seine eigene Kindheit erinnern konnte. Die Kinderbuchautorinnen Astrid Lindgren (Pippi Langstrumpf) und Pamela Travers (Mary Poppins) erwiderten darauf, das sei bei ihnen auch so.

Der Autor Stadler schreibt, das sei bei ihm ähnlich, und genau deshalb sei er so skeptisch geworden, als in Politik und Medien das Narrativ verbreitet wurde, „dass Kindern nichts Besseres passieren kann, als den ganzen Tag in der Krippe, dann im Kindergarten und später in der Schule zu verbringen.“ (S. 8)

Bei mir ist das auch so. Ich habe viele, lebhafte Erinnerungen an meine Kindheit. Ich erzähle meinen Eltern bis heute viele Details, die sie längst vergessen haben und vor allem kann ich mich nicht nur gut an Erlebnisse, Ereignisse und Situationen erinnern, sondern auch an meine Gefühlswelt. Mein inneres Kind, wie es denkt und fühlt, steht klar und deutlich vor mir.

Mache ich mir vielleicht deshalb so viele Gedanken um die Kindheit der heutigen Kinder und stelle Bedürfnisse, Wünsche und Gefühle von Kindern über das, was unsere Erwachsenenwelt dominiert, allem voran natürlich die Wirtschaft und das kapitalistische System, in welches sie eingebettet ist? Bin ich deshalb so allergisch gegen Sätze wie „Da müssen die Kinder eben durch“?

In der Grundschule war ich ein glückliches Kind, das gerne zur Schule gegangen ist, in der Klasse alle Kinder mochte, gute Noten und eine gute Bindung zur Klassenlehrerin hatte. Wir haben in den Pausen Gummitwist- und Seilspringturniere abgehalten, an denen die ganze Klasse teilgenommen hat. Das war nicht nur ein Mordsspaß, sondern hat auch intensive Gefühle von Zusammengehörigkeit geweckt. Und trotzdem gab es keinen schöneren Moment am Tag, als den Gong um 13 Uhr, mit dem der Schultag endete und man nach Hause gehen konnte. Dann begann der unbetreute, freie Nachtmittag, den ich mit meiner besten Schulfreundin verbrachte, oder mit den Nachbarskindern oder schlicht und einfach mit meinen Eltern oder Großeltern. Ich hatte das, was Rainer Stadler in seinem Buch als „Straßenkindheit“ (S. 8) beschreibt. Wir spielten zusammen auf unserer verkehrsberuhigten Straße, fuhren unendliche Runden mit dem Fahrrad oder mit den Inlinern, im Winter fuhren wir Schlitten und wenn das Wetter blöd war, zogen wir uns alle zusammen in eines von unseren Kinderzimmern zurück.

Ab der 5. Klasse fand ich Schule dann erst einmal einschränkend, irrelevant und langweilig. Ich war damit beschäftigt, herauszufinden, wer ich sein will. Bindungen zu Lehrern gab es kaum noch, es waren zu viele und sie wechselten auch noch jedes Jahr. Heute denke ich oft darüber nach, wie es meinem 11-, 12- oder 13-jährigen Ich denn gehen würde, wenn es ganztags in die Schule müsste. Ich kenne einen 10-jährigen Jungen, der hat zu mir gesagt, die Nachmittagsbetreuung nach der Schule sei für ihn eine „lästige Lebenszeitverschwendung“. Ich glaube, so ähnlich hätte ich das in dem Alter auch empfunden. Und dass Kinder während ihrer eigentlich kostbaren Kindheit das Gefühl haben, Tag für Tag Lebenszeit zu verschwenden, macht mich traurig.

Später, als der Höhepunkt der Pubertät überschritten war, ging ich wieder gern zur Schule, aber trotzdem hatte es in meiner Kindheit und Jugend keinen einzigen Moment gegeben, in dem ich mir gewünscht hätte, länger in irgendeiner Betreuungs- oder Bildungseinrichtung zu sein. Das größte Glücksgefühl im Alltag meines kindlichen und jugendlichen Ichs war es immer, „aus“ zu haben und nach Hause zu dürfen.

Wenn ich heute von dem Recht von Grundschulkindern auf einen Ganztagsplatz in der Schule lese und höre, hört sich das für mich zynisch an. Ein zweifelhaftes „Recht“ ist das in meinen Augen. Fragt mal die Kinder, wie viel ihnen dieses „Recht“ bedeutet, wie viel Lust sie haben, ganztags in der Schule (oder auch im Kindergarten) betreut zu werden. Die Antworten werden, denke ich, eindeutig ausfallen.

Aber natürlich fragen wir Kinder nicht, denn echte Kinderbedürfnisse werden in unserer Gesellschaft im Großen und Ganzen heruntergespielt. Es zählen vor allem die Bedürfnisse jener Eltern, die gerne Vollzeit arbeiten möchten, denn diese Bedürfnisse entsprechen den Bedürfnissen der wirtschaftlichen Elite, für die glückliche und lebenszufriedene Kinder keinen Wert haben. Sie brauchen die Arbeitskraft der Eltern. Und vielleicht brauchen sie auch angepasste Kinder, die eben nicht die Zeit haben, frei und im Rahmen ihrer Familie, wo sie geliebt werden, ihre Persönlichkeit, ihr Selbstbewusstsein und ihre Interessen zu entfalten. Vielleicht schiebt der eine oder andere solche Gedanken schon in Richtung Verschwörungstheorie?

Die Familie als „Humankapital“: Wie Wirtschafts- und Politikeliten über uns sprechen

Es lohnt sich aber doch, darüber nachzudenken, welche Art von Mensch sich die Wirtschafts- und Politikeliten wünschen. Herr Stadler hat zu dem Thema jede Menge Äußerungen zusammengetragen, eine hanebüchener als die andere.

Nehmen wir beispielsweise Bert Rürup, der folgendermaßen über unsere Kinder spricht: „Es kann nicht mehr nur die Quantität, sondern es muss auch die Qualität des Humankapitals zählen“. Der ehemalige Wirtschaftsweise er findet es lohnend, bereits bei Kleinkindern „in Humankapital, kognitive und soziale Schlüsselqualifikationen zu investieren.

Deshalb braucht die Gesellschaft seiner Meinung nach eine frühe Fremdbetreuung, denn kognitive und soziale Schlüsselqualifikationen, wie Rürup sie sich wünscht, können Eltern selbst den Kleinkindern wohl nicht vermitteln. Er nennt die frühe Fremdbetreuung notwendig „um Müttern die Erwerbstätigkeit zu ermöglichen“ und „um Fähigkeiten und Möglichkeiten des Kindes zu steigern.

(dies sind alles Zitate von Bert Rürup aus einem Gutachten aus dem Jahr 2005, zitiert von Rainer Stadler in seinem Buch „Vater Mutter Staat“, aus welchem ich wiederum die Zitate übernommen habe, vgl. S. 24/25)

Ich möchte Leuten wie Bert Rürup an dieser Stelle sagen: Meine Kinder sind kein Humankapital, sie sind Menschen. Und ich möchte sie nicht so früh und viel wie möglich optimieren, damit sie auf dem Arbeitsmarkt später gut funktionieren, sondern ich möchte, dass sie glückliche, selbstbewusste, sicher gebundene Menschen und starke Persönlichkeiten werden, die sich um sich selbst und um andere kümmern und bereit sind, auch „Nein“ zu sagen, wenn irgendwer sie ausbeuten oder ihnen schaden will. Und ich möchte, dass sie ihre Kindheit genießen, glücklich sind und sich später daran erinnern, wie schön es war, ein Kind zu sein. Für mich persönlich ist übrigens das Wort „Humankapital“ das Unwort des Jahrtausends, weil es aus dem Menschen eine kapitalistische Ressource macht.

2009 hieß es in einem vom Familienministerium herausgegebenen Bericht, man müsse Eltern dabei helfen, „die Phasen der Nichterwerbstätigkeit zu überwinden“.

Das, was für uns Eltern die intensivste und meist auch schönste Veränderung unseres Lebens ist, die nicht nur den Alltag, sondern oft auch viele Gefühle und Lebenseinstellungen auf den Kopf stellt, und für unser kleines, verletzliches, hilfloses Kind die ersten Monate und Jahre in seinem neuen Leben auf dieser Welt, ist für die Politik nichts weiter als eine lästige, störende Phase der Nichterwerbstätigkeit, die es so gut es geht zu überwinden gilt. Weiter heißt es, Kinder seien „ein Hindernis“ für Beruf und Karriere und davon müsste man Eltern befreien (zitiert nach Rainer Stadler, S. 12).

Besonders erpicht darauf, Kleinkinder möglichst früh von ihren Eltern zu trennen, war Ursula von der Leyen, welche das Amt der Familienministerin in den Jahren 2005 bis 2009 innehatte. Von ihr stammt das von mir verhasste Zitat, ein Kleinkind bräuchte „mehr Anregungen und Impulse, als die Mutter allein ihm geben kann.“ (zitiert nach Rainer Stadler, S. 13). Deshalb müsse es so früh wie möglich in eine Fremdbetreuung abgegeben werden.

Sollte sich Frau von der Leyen mit jedem ihrer sieben Kinder die ersten zwei bis drei Jahre lang allein in einem Zimmer eingeschlossen haben, mag ihre Aussage vielleicht stimmen. Ansonsten weiß ich nicht, wie man so realitätsfern sein kann, zu behaupten, ein Kleinkind, das nicht fremdbetreut wird, erhalte „Anregungen“ und „Impulse“ ausschließlich von der Mutter. Eine Mutter, oder natürlich auch ein Vater, den Frau von der Leyen wohl gar nicht auf dem Schirm hat, geht mit dem Kind zu Oma und Opa und anderen Verwandten, zu Freunden, die womöglich auch Kinder haben, in Krabbelgruppen oder zum Kinderturnen, auf offene Mutter-Kind-Treffen, zum Einkaufen, in die Natur, wo es verschiedene Pflanzen und Tiere gibt, auf Spielplätze, an den See, ins Schwimmbad, und die Liste ließe sich endlos weiterführen. Sie stellt ihm altersgerechtes Spielzeug zur Verfügung, spielt mit ihm oder lässt es frei mit dem Spielzeug spielen und/oder lässt es Haushaltsgegenstände entdecken. Jedes Kleinkind, das ich kenne und kannte, erhält unzählige Anregungen und Impulse außerhalb von Betreuungseinrichtungen, nicht allein von der Mutter, aber wohl meist in Anwesenheit der Mutter (oder des Vaters oder der Oma oder des Opas).

In ihren Aussagen und Bestrebungen unterstützt werden Politiker wie von der Leyen in der Regel von Experten, die wirtschaftsnahe Auftraggeber haben. Und dass denen natürlich nicht das persönliche Wohlbefinden der Kinder am Herzen liegt, sondern ihre „ökonomische Verwertbarkeit“ (S. 132), ist ja eigentlich naheliegend bis logisch.

Schweden: Paradiesische Familienpolitik?

Herr Stadler beschäftigt sich in seinem Buch mit einem europäischen Land, welches von modernen Politikern, die sich familienfreundlich nennen, als Vorbild gefeiert wird, nämlich Schweden. Dass bei all dem Lob niemals die Kinder und ihr Glück im Vordergrund stehen, sondern immer nur von Vereinbarkeit von Beruf und Familie und von den berufstätigen Mütter gesprochen wird, ist mir dabei schon immer auf die Nerven gegangen. Rainer Stadler aber hat etwas recherchiert, was ich sehr spannend fand, und zwar die soziologischen Wurzeln der schwedischen Familienpolitik.

Er landet dabei bei dem Soziologenehepaar Gunnas und Alva Myrdal, Stadler schreibt auf S. 142: „Wesentliche Elemente des heutigen schwedischen Sozialstaats und insbesondere das System der Kinderbetreuung basieren auf den Theorien von Alva und Gunnar Myrdal.

Ihre Theorien sind totalitär; ihr Menschenbild ist herablassend und elitär. Alva Myrdal wünscht sich einen bindungs- und emotionslosen Menschen ohne Ecken und Kanten, der in der Arbeits- und Gesellschaftswelt funktioniert. Deshalb hält Myrdal nichts von der Erziehung von Kindern innerhalb der Familie, denn diese sei „durch emotionale Faktoren kontaminiert“. Laut einem von Rainer Stadler zitierten Wissenschaftler meine sie damit „persönliche Beziehungen, die Eltern wie Kinder verletzbar machen.

Natürlich, Liebe macht verletzbar, das ist vollkommen klar. Liebende Menschen waren Frau Myrdal wohl nicht funktionstüchtig genug. Man soll wohl nicht persönliche Beziehungen als Lebensmittelpunkt sehen, sondern den produktiven Beitrag zur Gesellschaft durch Arbeit. Deshalb sage ich, ihr Menschenbild sei herablassend und elitär. Frau Myrdal hat ihre Familie ganz bestimmt geliebt, es sei denn, sie hatte Bindungsprobleme oder Ähnliches. Die anderen Menschen aber, sollen die für Menschen typischen und charakteristischen Eigenschaften, wie eben das Bedürfnis danach, zu lieben und geliebt zu werden, nicht ausleben. Die sollen dann einfach nur funktionieren, für die moderne Industriegesellschaft, in welche Kleinkinder laut Myrdal ohnehin nicht hineinpassen. Denn sie belasten die Ehen mit Konflikten und bringen Mütter um ihr „Recht auf Erwerbstätigkeit“.

Wenn also Erwerbstätigkeit laut Frau Myrdal ein Recht ist, wollen wir vielleicht auch darüber reden, ob Dinge wie Liebe, Bindung und gemeinsame Zeit auch das Potenzial haben, zu einem Recht der Mütter, Väter und Kinder erklärt zu werden?

Was die modernen Industriegesellschaften angeht, so hatte Alva Myrdal sicherlich Recht. Kleinkinder passen da nicht hinein. Das wäre aber kein Grund, sie aus der Gesellschaft outzusourcen, sondern die Gesellschaft so anzupassen, dass das Frühstadium eines jeden Menschen hineinpasst.

Alva Myrdal träumte außerdem von einer umfassenden Überwachung der Kinder in staatlichen Einrichtungen, zum Beispiel durch „einseitig verspiegelte Scheiben in den Spielzimmern (…), durch die Experten das Treiben des Nachwuchses verfolgen und damit eventuelle Abweichungen im Verhalten dokumentieren und korrigieren hätten können.

Weicht ein Individuum partout zu sehr von den vom Staat vorgegebenen Normen ab, hatte Myrdal kein Problem damit, dieses Individuum an der Fortpflanzung zu hindern, zum Beispiel durch Zwangsabtreibung oder Zwangssterilisation.

(Sämtliche Zitate und Informationen der letzten Absätze stammen aus „Vater Mutter Staat“, Seite 142/143)

Natürlich wurden Myrdals Ideen nie 1:1 umgesetzt. Dass sie aber als Nobelpreisträgerin (zum Glück NICHT für ihre familienpolitischen Ideen!) hoch angesehen ist und als soziologische Vordenkerin gilt, reicht mir schon. Derartig totalitäres Gedankengut und eine angeblich liberal-demokratische Gesellschaft, wie Schweden und auch Deutschland in ihrem Selbstverständnis sind, passen nicht zusammen. Und laut Rainer Stadler haben die Schweden kaum eine Wahlfreiheit. Das ganztägige Kinderbetreuungsnetz sei so umfassend und teuer, dass es ausgelastet sein und die Eltern es durch ihre sehr hohen Steuern refinanzieren müssen. Somit ist die Ganztagsbetreuung vom Babyalter bis zur weiterführenden Schule zwar keine gesetzliche Verpflichtung, aber durchaus der Standard, der erwartet wird, zumal es sich viele Eltern schlichtweg nicht leisten können, auf ein Gehalt zu verzichten.

Auf den letzten Seiten seines Buches (S. 263/264) präsentiert Rainer Stadler die Studienergebnisse einer qualitativen Studie der Soziologin Katherine Newman, die Hinweise darauf gibt, was die umfassende Trennung der Familien in Ländern wie Schweden mit der Gesellschaft und den Gefühlen der Menschen macht. Bei qualitativen Studien, wo meist Individuen näher betrachtet werden, ist es immer fraglich, ob sich die Ergebnisse auf die Allgemeinheit übertragen lassen, das ist klar. Trotzdem haben qualitative Studien einen berechtigten Platz in der Forschung und sind oft sehr interessant. Jedenfalls hört man von den befragten Skandinaviern, die Menschen in ihrer Gesellschaft seien „egoistischer als die Menschen in anderen Ländern“. Sie legten so viel Wert auf Unabhängigkeit voneinander, dass „die emotionale Nähe der Generationen verloren“ gehe. Eine Skandinavierin sagt zum Beispiel: „Es gibt einfach so viel zu tun, wir haben weder die Zeit noch die Kraft, um uns auch noch um die Familie zu kümmern.

Und ein Däne (in Dänemark scheint die Gesellschaft ähnlich zu funktionieren wie in Schweden) sagt: „Im Vergleich zu anderen Kulturen sind wir Dänen ein Haufen Kreaturen ohne Wurzeln“, denen irgendetwas fehle und die das Gefühl hätten, dass in der Kindheit irgendetwas schief gelaufen sei.

Von der echten Familienpolitik zur Idealisierung des unabhängigen Menschen

Ist das erstrebenswert, eine Gesellschaft bestehend aus einem „Haufen Kreaturen ohne Wurzeln“ zu sein, wie es dieser dänische Mann beschrieben hat? Für die moderne Familienpolitik anscheinend schon. Sie wünscht sich Menschen, die unabhängig voneinander sind. Wohl deshalb, weil ein von tiefen menschlichen Bindungen unabhängiger Mensch viel besser zu der Bedürfnissen des Staats und/oder Arbeitsmarkts passt.

Eltern sollen unabhängig von ihren Kindern sein, und Kinder von ihren Eltern. Ganz wichtig ist, dass Frauen unabhängig von ihren Ehemännern sind und andersherum ist es sowieso selbstverständlich. Also bloß keine Abhängigkeiten von den Menschen, die wir am meisten lieben, die uns emotional am nächsten stehen. Mit denen wir doch eigentlich verbunden sind und sein wollen.

Ruhig abhängig sein dürfen wir hingegen von wirtschaftlichen Zwängen, vom Staat und seinem System, von der Lebensmittel- und der Pharmaindustrie, von den Stromanbietern und unzähligen anderen Branchen, die wir überhaupt nicht kontrollieren können und die doch unser ganzes Leben in der Hand haben. Wer behauptet, in unserer komplexen Gesellschaft unabhängig zu sein, hat sich wohl noch nicht die Zeit genommen, mal einen Moment darüber nachzudenken, wovon er und sein tagtägliches Leben alles abhängig sind.

Rainer Stadler hat in seinem Buch dazu ein Kapitel, das zu meinen Gedanken ganz gut passt, es heißt „Die Illusion der Selbstständigkeit“ (S. 214 ff.) Mein Lieblingsausschnitt daraus:

Die Familie steht gerade nicht für totale Selbstständigkeit, gegenseitige Unabhängigkeit und bedingungslose Selbstverwirklichung. Sie ist eine Gegenwelt zum kapitalistischen Modell, das vorsieht, dass sich die Menschen durch größtmöglichen Konsum und grenzenlosen Einsatz in der Arbeit selbst verwirklichen. Familie dagegen bedeutet Verzicht und gegenseitige Rücksichtnahme, Treue und Verlässlichkeit.“ (S. 217)

Noch vor wenigen Jahrzehnten war die (staatliche) Ganztagsbetreuung von Kindern ein Merkmal des Totalitarismus. Mein Vater ist in der Sowjetunion aufgewachsen und war in einem Wochenkindergarten. Er kann nicht genau sagen, wie alt er war. Auf jeden Fall wurden die Kinder unter der Woche komplett fremdbetreut, bis auf eine kleine Pause am Mittwoch, während beide Elternteile arbeiten gingen. Das war keine Pflicht, sondern ein Angebot seitens des Arbeitgebers meiner Oma, welcher ihr die Betreuung finanzierte das als Unterstützung und Entlastung kommunizierte.

Dasselbe gab es auch in der DDR, wo Kinder standardmäßig (aber ebenfalls nicht verpflichtend) entweder den ganzen Tag oder sogar die ganze Woche lang fremdbetreut wurden. Das Großziehen der Kinder in Betreuungseinrichtungen wurde als gesellschaftlicher Normalzustand erwartet, weil man die Mütter in der Produktion sehen wollte. Wie sich die Kinder dabei gefühlt haben, wie sehr sie sich nach Liebe und dem Gefühl, einzigartig zu sein gesehnt haben, und welche Probleme sie mit ins Erwachsenenalter genommen haben, zeigen Dokus wie „Wenn die Eltern Fremde sind – Kinder in DDR-Wochenheimen“ von Frontal 21 sowie die Nutzerkommentare darunter. Es gab auch mal eine beeindruckende MDR-Doku dazu mit dem Titel „Die Tränen der Kinder“, leider aktuell im Internet nicht auffindbar.

Der kürzlich verstorbene letzte sowjetische Staatschef Michail Gorbatschow bezeichnete nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion „die Lockerung der familiären Bindungen und die Vernachlässigung der familiären Verantwortung“ (zitiert nach Stadler, S. 58) als Ursache für viele Probleme der Sowjetuntion, die schließlich auch zu ihrem Zusammenbruch führten. Der Autor Stadler urteilt: „Gorbatschow drückte damit aus, dass der Staat, indem er die Familien zerstörte, auch sich selbst zerstörte.

Nun betonen gegenwärtig unsere Politiker und Medien beinahe penetrant, wie liberal und demokratisch unsere westlichen Gesellschaften doch seien, und die Ganztagsbetreuung der Kinder, die Vollerwerbstätigkeit junger Eltern und damit die Trennung der Familie sollen plötzlich gar nicht mehr totalitär, sondern freiheitlich sein, schließlich bekommen die Eltern die Freiheit zu arbeiten und unabhängig voneinander und von ihren Kindern zu sein. So kann man das alles kurzerhand umframen, ohne aus den Fehlern anderer Staaten in der Vergangenheit zu lernen.

Ach ja: Natürlich haben auch die DDR und die anderen sozialistischen Diktaturen ihre Politik als besonders familienfreundlich beworben, vor allem aber als frauenfreundlich, schließlich hat man sie ja hinter dem Herd hervorgeholt und ihnen die Möglichkeit gegeben, ihr eigenes Gehalt zu verdienen.

Die (west-)deutsche Familienpolitik hingegen, hat das Großziehen von Kindern noch vor wenigen Jahrzehnten als elementar wichtige gesellschaftliche Aufgabe anerkannt und staatlich entsprechend gefördert. Familienpolitische Maßnahmen waren damals mitnichten ein allumfassender Kita-Ausbau, sondern zum Beispiel „Erziehungsgeld, Erziehungsurlaub und die Anerkennung von Erziehungsjahren für die Rentenversicherung“ (S. 124), alles eingeführt von der damaligen Familienministerin Rita Süssmuth (CDU, Familienministerin 1985 – 1988).

Ganz anders tickten früher auch die Grünen, die heute scheinbar kaum genug von der Fremdbetreuung bekommen können. 1980 befand sich im ersten Grundsatzprogramm der Grünen die Forderung nach einem Gehalt für Hausfrauen oder -männer. Sie wollten, dass die „Arbeit in Haushalt und Erziehung (…) als voll entlohnter Beruf mit Rentenanspruch anerkannt wird“. (S. 177) Die Grünen waren auch die Ersten, die ein Betreuungsgeld in die politische Debatte einbrachten. Später gehörten sie zum linksliberalen Milieu, welches das bayerische Betreuungsgeld in den 2000er Jahren als „Herdprämie“ beschimpft und verspottet hatte.

In der „Erklärung der Rechte des Kindes“, verfasst von den Vereinten Nationen im Jahr 1959, heißt es übrigens auch: „Das Kind braucht zur vollen und harmonischen Entwicklung seiner Persönlichkeit Liebe und Verständnis. Er wächst, soweit irgend möglich, in der Obhut und unter Verantwortung seiner Eltern (…) auf; Ein Kleinkind darf – außer in außergewöhnlichen Umständen – nicht von seiner Mutter getrennt werden.“ (zitiert nach Stadler, S. 19)

Das war gut so und ging in die richtige, menschenfreundliche Richtung. Die Grünen hätten die Erklärung der Rechte des Kindes respektieren und bei ihren familienfreundlichen Forderungen bleiben sollen. Warum haben wir denn unseren Weg verloren, haben uns von der Menschlichkeit und echten Familienfreundlichkeit entfernt und einer kapitalistischen Logik angenähert, für die wir und unsere Kinder nur „Humankapital“ sind und die in ihrer Ökonomisierung des Menschen auch schon wieder irgendwie totalitär ist?

Für mehr Familie und weniger Outsourcing der Unproduktiven

Ich denke, dass die tagelange Fremdbetreuung im Kindergartenalter gewisse negative Auswirkungen auf das Leben meines Vaters hatte und bis heute hat. Womöglich würde er mir widersprechen, denn er hält nichts davon, die Kindheit zu verwenden, um aktuelle Lebenssituationen zu erklären. Aber er sagt, er kann sich daran erinnern, wie tränenreich die Abschiede in den Wochenkindergarten waren. Er habe immer geweint. Und einmal hat er gesagt, seine Mutter hätte das nicht unbedingt tun müssen, sie sei vielleicht zu pflichtbewusst gegenüber dem Staat gewesen und/oder hätte der Arbeit einen zu hohen Stellenwert gegeben.

Als seine Mutter zum Pflegefall wurde und nicht mehr alleine wohnen konnte, hat mein Vater ihre Logik nicht weitergeführt, hat sie nicht ins Pflegeheim, also in „Fremdbetreuung“ einziehen lassen, um sich voll und ganz seiner Berufstätigkeit zu widmen, sondern hat ihr ein neues, kleines Zuhause in meinem alten Kinderzimmer eingerichtet. Er hat sie gepflegt und betreut, gemeinsam mit seiner Frau, bis meine Oma schließlich nach fünf Jahren starb. Es war eine schwierige Zeit, meiner Meinung nach deutlich schwieriger als ein kleines Kind zu haben, das immerhin klein, leicht, im Idealfall nicht krank ist und jeden Tag mehr statt weniger kann. Aber er hat das durchgezogen, er hat mit dem politisch gewollten Prinzip des Outsourcing der Unproduktiven gebrochen und dafür hat er für immer meine Hochachtung und meinen Respekt. Ich bin mir sicher, dass er die Lebensqualität der letzten Lebensjahre meiner Oma damit sehr positiv beeinflusst hat.

Vielleicht mag man es seltsam finden, dass ich einen Bogen spanne von der Kinder- hin zur Altenbetreuung, aber eigentlich sind es doch zwei Seiten derselben Medaille. Kinder und Alte sind unproduktiv und nach Logik der Wirtschaft eigentlich nur im Weg. Wir, die gesunden und arbeitsfähigen Erwachsenen, sollen sie outsourcen, damit wir uns den wichtigen Dingen im Leben widmen können, sprich der Arbeit. Man denke an das Zitat von der Skandinavierin, sie hätten ohnehin schon alle so viel zu tun, da hätten sie keine Zeit und keine Kraft,um sich auch noch um die Familie zu kümmern. Dass Anderes viel wichtiger ist als ihre Familie, scheint zumindest diese zitierte Frau ganz verinnerlicht zu haben.

Ich möchte das aber nicht verinnerlichen. Die Alten und die Kinder, die gehören zu uns, in die Mitte unserer Gesellschaft und unserer Familien. Berufstätigkeit schön und gut, sie ist meistens ein entscheidender Beitrag zur Gesellschaft und manchmal auch wichtig für die persönliche Selbstverwirklichung, und ich selbst mag meine Arbeit auch sehr gerne und würde sie nicht missen wollen. Aber die Bedürfnisse derjenigen, die noch nicht oder nicht mehr Berufen nachgehen, sollte man der Berufstätigkeit meiner Meinung nach nicht unterordnen. Und selbst wenn das eine oder andere Individuum sich persönlich dafür entscheidet, das zu tun, sollte eine solche Unterordnung aber niemals politisch und gesellschaftlich als Standard gefordert werden.

Wenn wir eine humane Gesellschaft bleiben wollen, müssen wir uns die Zeit nehmen, uns liebevoll und zeitintensiv um die Kinder und die Alten und alle anderen „Unproduktiven“ zu kümmern. Sie brauchen nicht nur uns, wir brauchen auch sie – gerade, um nicht zu vergessen, dass das Leben viel mehr ist als das Einfügen in ein kapitalistisches System. Rainer Stadler zitiert die amerikanische Soziologin Arlie Hochschild: „Entspricht es unserer Vorstellung von einer humanen Gesellschaft, wenn unser Kind seine ersten Worte zu einer Kita-Betreuerin spricht und unsere Großmutter ihre letzten Worte zu einer Altenpflegerin?“ (S. 14/15) Macht diese Frage nicht nachdenklich?

Rainer Stadlers eindringliche Worte am Ende der Einleitung seines Buchs würde ich zum Schluss gerne noch wiedergeben. Ich finde sie liebevoll und wichtig: „Eltern sind und bleiben unersetzlich für ihre Kinder. Sie sind die einzigen Menschen, die von der Natur mit der Fähigkeit ausgestattet wurden, ihr Kind ohne Wenn und Aber zu lieben. Das ist der fundamentale Unterschied zu jeder noch so qualitativ hochwertigen Betreuung oder Förderung. Diese einmalige Beziehung lässt sich nicht auslagern. Sie muss immer wieder erneuert werden und das braucht Zeit. Eltern sollten sich diese Aufgabe nicht leichtfertig abnehmen lassen.“ (S. 21)

Letzte Anmerkungen zu dem Buch „Vater Mutter Staat“ von Rainer Stadler

Obwohl mein Artikel knapp 4.500 Wörter hat, hab ich nur einen Bruchteil der Themen angeschnitten, die Rainer Stadler in seinem Buch „Vater Mutter Staat“ behandelt. Interessant ist auch unter anderem, wie Ursula von der Leyen heimlich Werbung für ihre Politik machte, ohne sie als solche in den Medien kenntlich zu machen (die Rezipienten dachten also, sie bekämen hier unabhängige Informationen, S. 132/133). Oder auch das Kapitel „Ideologie statt Wissenschaft“, wo man erfährt, wie ein Wissenschaftler, der krippenkritische, also unerwünschte, Ergebnisse lieferte, vom wissenschaftlichen und politischen Diskurs ausgeschlossen und von den Kollegen diffamiert wurde, zum Beispiel als Frauenhasser. Herr Stadler hat sich für dieses Kapitel persönlich mit dem Wissenschaftler Jay Belsky aus Amerika unterhalten, der zunächst politisch erwünschte Thesen vertrat und später aber kritisch wurde, womit auch seine wissenschaftliche Karriere rasch beendet war.

Rainer Stadler kritisiert übrigens nicht die Eltern, die ihre Kinder ganztags betreuen lassen, egal ob aus finanziellen Zwängen, dem Bedürfnis heraus, viel zu arbeiten oder aus Überzeugung, damit für ihr Kind das Beste zu tun. Er kritisiert ganz explizit die politischen, wirtschaftlichen und medialen Akteure, die diese Art des Familienlebens als besonders gut bis hin zu alternativlos darstellen und als Standard etablieren wollen. Das reicht vom Tabuisieren der Nachteile, die Kitas mit sich bringen über die mediale Diffamierung der Hausfrau (oder auch des Betreuungsgeldes) bis hin zum vollständigen Fehlen der Forderung, Vätern eine intensivere Betreuung ihrer Kinder zu ermöglichen und sie von der heute fast selbstverständlichen Verpflichtung, Vollzeit zu arbeiten, zu befreien. Moderne Ideen wie zum Beispiel das Teilzeitmodell für alle Eltern von Kindern unter 14 Jahren liegen zwar auf dem Tisch, spielen aber politisch keine Rolle.)

Ich gebe zu: In erster Linie hab ich Herrn Stadlers Buch gelesen, weil ich etwas lesen wollte, das mich in meiner Meinung bestärkt. Aber ich hab wirklich auch sehr viel beim Lesen des Buches gelernt, ich finde, der Autor, der ansonsten für die Süddeutsche Zeitung arbeitet, hat wirklich spannende Informationen rund um das Thema Ganztagsbetreuung recherchiert, vor allem hinsichtlich der medialen und politischen Propaganda, um eine betreuungsbefürwortende Stimmung in der Bevölkerung zu erzeugen oder auch vorzutäuschen.

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