Einführung

Diese Artikelserie erzählt, wie ich angefangen habe, mich für das Schicksal Julian Assanges zu interessieren und wie ich im Zuge dessen vieles gelernt habe, was mein Weltbild verändert und verschlechtert hat. Nur wenige Menschen haben Interesse daran, zu erfahren, was Regierungen im Schatten der Öffentlichkeit so tun, und das ist verständlich. Denn man belastet sich mit Dingen, die man individuell nicht verändern kann und die teilweise so schlimm sind, dass Erzählen für die persönliche soziale Stellung im eigenen Umfeld gefährlich ist. Allzu schnell hat man den Stempel „Verschwörungstheoretiker“ auf der Stirn, schließlich kann nicht sein, was nicht sein darf. Deshalb fühle ich mich mit meinem Wissen allein und habe beschlossen, mir meine Gedanken dazu wenigstens von der Seele zu schreiben.

Songtipp: Behind These Prison Walls – Hommage von David Rovics an Julian Assange

Bis Februar 2020 habe ich mich weder für Politik, noch für Julian Assange groß interessiert. Von der Welt und der Gesellschaft genervt zu sein, dafür gab es dennoch genug Gründe. Mich ärgerte die ganze kapitalistische Logik unseres menschlichen Zusammenlebens, unser Umgang mit Tieren, mit der Umwelt. Mich ärgerte die westliche Arroganz im Umgang mit der dritten Welt im Sinne von „wenn sie unsere Billigklamotten nicht nähen würden, hätten sie ja gar keine Arbeit“ und das allgemeine schulterzuckende Hinnehmen gesellschaftlicher Verschlechterungen wie dem Pflegenotstand, der Verarmung der Mittelschicht, der Zunahme psychischer und chronischer Krankheiten und so weiter im Sinne von „wir dürfen nicht meckern, weil es in anderen Ländern noch viel schlechter läuft.“. 

Aber für Politik, vor allem Außenpolitik, war in meinem Leben irgendwie kein Platz. Ebenso habe ich mir kaum Gedanken darüber gemacht, wie der Zustand der Pressefreiheit und Rechtstaatlichkeit ist. In der Schule hatte ich gelernt, dass diese Dinge maßgeblich sind für eine intakte Demokratie und ich hatte das Gefühl, dass das alles schon ganz okay ist in den Ländern Europas. Die USA hat mich nicht interessiert, abgesehen von ihren Rockbands.

Und Julian Assange? Das war für mich immer der Typ aus der Botschaft, der den Amerikanern ans Bein gepisst hat. Mein Eindruck von ihm war neutral-positiv, denn Rebellen kann ich gut leiden. Die ganzen medialen Diffamierungen von wegen Vergewaltiger, Spion, Narzisst, etc. sind spurlos an mir vorbeigegangen – wahrscheinlich, weil ich nur wenig Medien konsumiert hab. Dass er jahrelang so dargestellt worden ist, hab ich erst im Nachhinein mitbekommen.

Das rückblickend Traurige an der ganzen Sache ist: Ich kannte Assanges Namen und Gesicht. Aber ich hatte keine Ahnung, was er da eigentlich veröffentlicht hat. Am Rande wusste ich, dass es da irgendein brisantes Kriegsvideo gab. Dabei hätte es der ganzen Welt niemals so sehr um Julian Assange gehen dürfen, sondern um den Inhalt der Veröffentlichungen, vor allem jener über die Irak- und Afghanistankriege.

Eingetaucht in die Causa Julian Assange

Im Februar 2020 war ich zu Besuch bei meinem Vater und wir haben uns gemeinsam eine Nachrichtensendung angesehen, die Tagesschau oder ein ähnliches Format. Auf jeden Fall berichtete diese Sendung über den Prozessauftakt im Auslieferungsverfahren gegen Assange und die Demonstranten vor dem Gerichtsgebäude haben mich ganz plötzlich gerührt und ich habe zu meinem Vater gesagt, dass es, solange es Menschen gibt, die sich so sehr für andere Menschen und deren Schicksal einsetzen, anstatt sich nur um ihr eigenes Leben zu kümmern, noch Hoffnung gibt. Noch leben nicht ausschließlich Egoisten auf der Welt.

Dass Assange an die USA ausgeliefert werden soll, hatte ich erst kurze Zeit vorher erfahren, als mich eine Change.org-Petition mit dem Titel „Verhindert die Auslieferung von Julian Assange an die USA!“  erreicht hatte. Ich hatte sie nach Durchlesen der Forderungen des Petitionsstarters Thilo Hahn unterschrieben. Ehrlich gesagt wusste ich erst seitdem, dass Julian Assange ein Jahr zuvor aus der ecuadorianischen Botschaft geschleift und ins Gefängnis gesteckt worden war. Bis dahin dachte ich, er lebe noch immer in der Botschaft.

Irgendwie war Assange seit dieser Petition und seit den Fernsehbildern von den Demonstranten in meinem Kopf. Ich fragte eine Freundin, ob sie vielleicht wüsste, weswegen eigentlich Assange überhaupt im Gefängnis sitze, doch sie verneinte. Also begann ich, mich mehr mit der ganzen Causa Julian Assange auseinanderzusetzen. Der hat doch nur irgendetwas Brisantes veröffentlicht. Wie kann man dafür in Europa im Gefängnis sitzen? Und überhaupt – ist er nicht Australier? Wie kann ein Australier an die USA ausgeliefert werden?

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