Die Corona-Jahre entfernen sich Tag für Tag immer weiter von uns, und doch sitzen sie noch tief und prägen uns als Individuen und Gesellschaft. Ich glaube oftmals ohne, dass wir das überhaupt bewusst merken.
Eine Aufarbeitung all dessen, was während der Corona-Jahre passiert ist – von den Maßnahmen an sich über die panische Angst vieler Menschen bis hin zu der extremen Spaltung der Gesellschaft, stark befeuert durch Medien und Politik – und welche Auswirkungen all das auf uns und unser Zusammenleben hatte, bleibt im Großen und Ganzen aus. Die Enquete-Kommission im Bundestag kann man meiner Meinung nach getrost vernachlässigen, denn sie findet ja gänzlich abseits der Öffentlichkeit statt.
Der Autor und Kulturjournalist Eugen Zentner setzt dagegen mit seiner Kurzgeschichtensammlung „Corona-Schicksale“ ein Zeichen, zumindest verstehe ich dieses Buch als eine Art Protest dagegen, dass wir als Gesellschaft nicht in uns gehen und uns fragen: Was war damals eigentlich los? Wie haben wir gehandelt und andere behandelt, und warum? Was hat es mit uns gemacht? Welche Fehler haben wir gemacht? Es herrscht Schweigen und Verdrängung, sowohl öffentlich-medial als auch im Privatleben (zumindest meines Eindrucks nach). Und der Schriftsteller Zentner erinnert uns mit seinen Kurzgeschichten schmerzlich an das, was von heute auf morgen die „neue Normalität“ war und jetzt mittlerweile schon wieder so weit weg ist, als wäre das alles nur ein Fiebertraum gewesen. War es aber leider nicht.
Die Kurzgeschichten tun aus zwei Gründen weh:
- Erstens, weil man Hauptfiguren kennenlernt, denen eigentlich ja gar nichts schlimmes passiert, möchte man meinen. Die meisten von ihnen werden weder verhaftet, noch verletzt, noch müssen sie sterben (ein paar wenige schon). Und doch ist ihr Leid ganz deutlich spür- und nachvollziehbar. Sie durchleiden Angst, Demütigung, Ausgrenzung, treffen auf Ablehnung und Empathielosigkeit, verlieren die Arbeitsplätze, von denen sie finanziell abhängig sind. Und das tut weh und macht etwas mit einem Menschen.
- Zweitens, weil viele der Geschichten im ersten Moment überspitzt bis hin zu absurd wirken. Und dann fällt einem doch auf, dass das durchaus so war oder gewesen sein könnte. Es fällt einem die feindselige öffentliche Stimmung in den Medien ein, und mich haben einige Geschichten auch stark an eigene Erlebnisse aus meinem Leben erinnert. Man stellt erschrocken fest: Der Autor kann nichts dafür. Die Corona-Jahre waren einfach an sich überspitzt und absurd.
Angst, Aggression, Ausgrenzung als zentrale Elemente von Eugen Zentners „Corona-Schicksalen“
Was sind das für Situationen, die die Protagonisten in Eugen Zentners Kurzgeschichten durchleben? Die Geschichten, die mich besonders berührt und zum Nachdenken angeregt haben, picke ich nun heraus.
Nur Verschwörungstheorien
Hier geht es um einen Supermarkt-Verkäufer, der seinem Arbeitskollegen alternative Sichtweisen auf das ganze Geschehen rund um Corona schildert. Aggressiv und extrem abweisend wird all das von einer dritten Person als Blödsinn und Verschwörungstheorie niedergemacht, und der Protagonist bleibt sprachlos zurück – wütend und in der Spontanität der Situation unfähig, die komplexen Zusammenhänge, in die er sich eingelesen hat, zu erklären.
Ich kann mich da extrem gut hineinversetzen. Ich bin – auch bei anderen Themen – ebenfalls ein paar Mal in die Nähe einer solchen Situation gekommen. Ich vermeide sowas nun meist aus Selbstschutz, weil ich im spontanen Gespräch nicht eloquent bin, schnell nervös werde und weil man damit am Ende sowieso nicht weiterkommt. Meist habe ich viel mehr Zeit investiert, mich mit einem Thema auseinanderzusetzen – und stehe am Ende doch da wie der Depp, weil die öffentliche Meinung was anderes sagt. Ob Ganztagsbetreuung, Transidentität, Pazifismus oder was auch immer: Ich beschreibe meine Meinung nun lieber ausgiebig in meinen Blogartikeln. Hat doch mal jemand Interesse daran, sich wirklich auf eine andere Perspektive einzulassen, kann ich auf diese Texte verweisen.
Nur mit 2G-Nachweis
Diese Geschichte dreht sich um einen Mann, der während der 2G-Regel in einer Kneipe ein Bier trinkt, obwohl er nicht geimpft ist. Der Wirt hat ihn aus Freundschaftlichkeit und weil er nicht von den Regeln überzeugt ist heimlich hereingelassen, und der Mann sitzt am Tresen und hat furchtbare Angst vor dem Ordnungsamt. Eugen Zentner schildert hier Emotionen, die ich selbst fast genau so in den Augen eines Mädchen gesehen habe. Ich habe sie beim Lesen geradezu vor mir gehabt.
Es handelte sich dabei um ein Kind, das gemeinsam mit seiner kleinen Schwester bei mir Gitarrenunterricht hatte. Ich öffnete die Tür vom Unterrichtsraum, begrüßte die Mädchen – und die beiden Kinder kamen mir seltsam vor. Sonst immer fröhlich kichernd, waren sie verstört und verlegen. Ich frage sie, ob alles ok sei, und die Größere erzählte mir, dass sie im Spielzeugladen gewesen seien und die Verkäuferin sie dort vor die Tür gesetzt hatte, weil ja die 2G-Regel galt. Sie galt für Kinder ab 12 Jahren und 3 Monaten und das Mädchen war an diesem Tag sage und schreibe einen Tag drüber. Die Verkäuferin hatte nachgerechnet und sie rausgeschmissen, während die jüngere Schwester drin bleiben durfte.
„Hier gilt doch auch 2G, oder?“, fragte mich die 12-Jährige, aber ich hatte mich immer geweigert, diese Regel einzuhalten. Das sagte ich ihr auch: „Du darfst in meinen Unterricht kommen. Mir ist dein Impfstatus völlig egal. Der geht nur dich und deine Eltern etwas an.“
Aber das Mädchen beruhigte sich nicht. Sie fragte mich, was sei, wenn die Polizei gleich zum Kontrollieren reinkäme. Ob ihre Eltern, ich oder der Geschäftsführer dann nicht wegen ihr sehr hohe Strafen zahlen müssten. „Die Polizei war noch nie hier“, meinte ich, aber die Panik in ihren Augen jedes Mal, wenn vorne die Türglocke klingelte, weil andere Kinder zu anderen Lehrern in den Unterricht kamen, sprach Bände. Noch nie war ich so froh gewesen, dass eine Gitarrenstunde endlich vorbei war – für das Kind, dem dann sichtbar ein Stein vom Herzen fiel.
Ich war mit der Situation in diesem Moment emotional überfordert. Ich hielt meine restlichen Stunden ab. Als ich daheim war, heulte ich. Ich hatte lange Zeit nicht gewusst, ob ich pro-Maßnahmen oder contra-Maßnahmen sein soll, war so hin- und hergerissen zwischen beiden Lagern, konnte alle irgendwie verstehen. Aber an diesem Abend waren die meisten Corona-Maßnahmen für mich gestorben. Einige Zeit später schrieb ich einer Freundin, die sehr stark hinter den Maßnahmen stand und nicht verstehen konnte, warum ich nicht „geboostert“ war, einen langen Brief, in dem ich unter anderem auch diesen Vorfall schilderte. Ich fragte sie, was in aller Welt wir da eigentlich mit den Kindern machen. Aber ich bekam niemals eine Antwort. Wir haben nie wieder über Corona gesprochen.
Weihnachtspiks
In dieser Geschichte führt die Angst vor einer ungeimpften Person zu demütigenden Szenen und familiären Zerwürfnissen. Der panische Bruder, den nicht einmal ein negativer Test beruhigt, wirkt überzeichnet und idiotisch. Aber je mehr ich über die Geschichte nachdachte, umso mehr wurde mir klar, dass er letztendlich doch die geradezu absurde Angst vor ungeimpften Personen, und seien sie noch so kerngesund, angemessen repräsentierte.
An Weihnachten 2022 weigerte sich mein Schwiegervater, zum Feiern zu meiner Mutter zu kommen, weil diese ungeimpft war (nicht lange nach seinem „Booster“ ist mein Schwiegervater übrigens leider verstorben. Gab es da keinen Zusammenhang? Wir werden es nie erfahren).
Und auch ich hatte ein ganz komisches, unangenehmes, demütigendes Gefühl, als sich eine Person ausschließlich draußen mit mir treffen wollte und nur unter der Bedingung, dass ich meine Kinder, damals im Kindergartenalter, teste:
“Ich warte draußen. Wenn die Kinder negativ sind, können wir spazieren gehen.“ Ich mochte die betreffende Person wirklich gern. Ich hab sie bis heute gern. Ich weiß, dass sie einfach nur eine riesige Angst hatte. Aber es war ein scheiß Gefühl von „deine Kinder sind gemeingefährliche Virenschleudern“. Sie waren kerngesund – und trotzdem sollte ich sie testen lassen. Und selbst dann wurde nur ein Treffen an der frischen Luft toleriert. Doch, der Bruder aus der „Weihnachtspiks“-Geschichte ist angemessen dargestellt.
„Masken(frei)fahrt“
Diese Geschichte über eine Bahnreisende mit Befreiungsattest von der Maskenpflicht, die auf feindselige Mitreisende trifft, die ihr Befreiungsattest nicht akzeptieren, hat mich daran erinnert, wie meinem Vater auf offener Straße hinterher gepöbelt wurde, er sei ein Maskenverweigerer. Weil in unserer Stadt urplötzlich sogar auch draußen Maskenpflicht war – wahnsinnig genug – und er das aber gar nicht mitbekommen hatte.
Und tatsächlich gab es ja viel Trubel um Maskenbefreiungen von angeblichen „Schwurbler“-Ärzten, die im Nachhinein dann auch für das Ausstellen angeblich „unrichtiger Gesundheitszeugnisse“ zu Geld- oder Haftstrafen verurteilt worden sind. Inwieweit dieses allumfassende Tragen von Masken überhaupt sinnvoll war, darüber wollen wir als Gesellschaft heute, so mein Eindruck, sowieso nichts mehr wissen.
Keimtückisch
Hier geht es um eine überforderte Krankenschwester, die mit der Versorgung ihrer Patienten nicht hinterher kommt. Ihre Kollegen sind teilweise in Quarantäne. Die Situation, die Eugen Zentner darstellt, kann ich mir sehr gut als realistisch vorstellen. Ich habe selbst schon einmal in dem Artikel „Pflegenotstand auf Kinderintensivstationen: Ein persönlicher Kommentar zum BR-Bericht vom 31.10.2022“ dargestellt, wie ich den Krankenhausaufenthalt meiner Tochter erlebt habe. Da waren die Krankenschwestern auch schon vor Corona, ohne wegen Quarantäne ausfallender Kollegen, im Dauerstress und hatten zu viele kleine Patienten zu versorgen. Außerdem stellt die Geschichte einen heiklen Verdacht darüber auf, wie so manch ein fälschlicher Corona-Toter zustande gekommen sein könnte.
Eine ganz normale Demonstration
Der Autor erzählt hier von einem Mann, der panisch, verletzt und traumatisiert von einer Corona-Demo nach Hause kommt, wo er und die anderen Teilnehmer Polizeigewalt erlitten haben. Die Geschichte liest sich brutal, aber was viele Menschen nicht wissen: Der damalige UNO-Sonderberichterstatter über Folter und andere grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafen, Nils Melzer, hatte wegen Polizeigewalt auf Corona-Demonstrationen in Deutschland im Jahr 2022 interveniert. Bei dem Professor waren zuvor zahlreiche Videos eingereicht worden, die Polizeigewalt auf diesen Demos dokumentiert hatten.
Nur so nebenbei, das muss ich hier einfach erwähnen: Die Süddeutsche Zeitung hat kurz darauf einen bösartigen Artikel über Nils Melzer veröffentlicht. Der damalige UNO-Sonderberichterstatter war bekannt geworden dafür, dass er den Umgang mit Julian Assange öffentlich als Folter bezeichnet und das ganze Geschehen in die Öffentlichkeit gezerrt hatte. Die Verfasser des Artikels hatten Melzer als „schrillen Kronzeugen von Corona-Leugnern“ bezeichnet und die skurille Äußerung in den Raum geschmissen, er setze sich zwar für die Opfer von staatlicher Gewalt ein, gehe dabei aber doch eventuell etwas zu weit.
Über diesen verrückten Artikel sowie die Reaktionen darauf habe ich hier in meinem Blog schon im Rahmen meiner Assange-Artikelreihe geschrieben: „ Teil 5: Warum tun die Journalisten das? Wie Nils Melzer den Fall Assange an die große Glocke hängte und selbst zum Opfer medialer Diffamierung wurde“.
Ich finde, diesen Vorfall sollte man ruhig kennen. Aber kommen wir zurück zu Eugen Zentner.
Herz und Verstand vs. Corona-Regeln: War Eugen Zentner nicht doch zu streng mit seinen „braven Bürgern“?
Letztendlich habe ich mich dann manchmal trotzdem gefragt, ob Eugen Zentner nicht bisweilen doch zu streng war mit den „braven Bürgern“ in seinen Geschichten, die sich strikt an jede Regel halten und dies auch von allen anderen fordern: Ist der Menschenverstand wirklich so derartig verloren gegangen während der Corona-Jahre, dass eine Lehrerin einem gerade in Ohrmacht gefallenen Mädchen trotzdem noch die Maske auf die Nase drücken kann? („Im Unterricht“). Spätestens dann pfeift man doch mal auf die Regeln und lässt das Kind durchatmen, oder? Ich habe viele Situationen erlebt, in denen die Leute die Regeln einfach mal Regeln sein ließen und nach Herz und Verstand entschieden – auch wenn sie keine „Maßnahmen-Gegner“ waren. Das gab es auch oft, zum Glück.
Aber dann fiel mir wieder das Mädchen ein, das verstört in meine Unterrichtsstunde gekommen ist, nachdem sie von einer Verkäuferin aus einem Geschäft geschmissen worden ist, weil sie einen Tag älter war als die „2G-Regel“ erlaubte. Ein Kind, vor allen anderen Ladenbesuchern gedemütigt und allein hinausgeschickt, am späten Nachmittag, mitten in die Dunkelheit des Novembers. Und mir wurde wieder klar: Ja, es gab diese Leute, die sich strikt an jede Regel gehalten und sich damit als die Guten, Gesetzestreuen, Solidarischen gefühlt haben, die in ihrem Selbstverständnis das alles nur für das Wohl des Kollektivs taten – für Rücksicht auf das Individuum gab es keinen Platz.
Und über diese Leute darf und sollte man ruhig schreiben. Ich weiß nicht, wie viele von ihnen es gab. Aber es waren so oder so zu viele, und sie fühlten sich gerecht und rechtschaffen, aber sie handelten moralisch und ethisch falsch.
Ich kann es nur immer wieder sagen: Die Corona-Zeit war keine Nazidiktatur. Es wurde niemand für seine Meinung oder für die Zugehörigkeit zu irgendeiner Gruppe getötet, zum Glück. Aber das strikte Befolgen sämtlicher Regeln, ohne diese für sich selbst auf Sinnhaftigkeit und Angemessenheit zu durchdenken, ohne Rücksicht auf den individuellen Mitmenschen und die Situation, ist der erste Schritt dorthin. Genau wie die verbale Diffamierung und bösartige Ausgrenzung, die die ungeimpften und maßnahmenkritischen Menschen damals erfahren haben, auch und vor allem öffentlich von meinungsführenden Journalisten (auch zu diesem Thema gibt es von Eugen Zentner eine Kurzgeschichte).
Manchmal ist ein „Nein“ zur Verordnung der richtige Weg
Von dem Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, der in den 1960er Jahren gegen heftige Widerstände die Auschwitz-Prozesse ins Rollen gebracht hat, stammt das folgende Zitat:
„Wenn etwas befohlen wird (…) was also im Widerspruch steht mit den ehernen zehn Geboten (…) dann musst du Nein sagen“*
Und das hätten einige Menschen während der Corona-Jahre lieber mal öfter berücksichtigt, dann wäre unsere Gesellschaft vielleicht nicht bis heute so gespalten, wütend aufeinander und kaum noch bereit, andere Perspektiven zumindest mal zu versuchen zu verstehen.
Die Kurzgeschichten von Eugen Zentner zeigen so manch eine Situation, wo ein klares Nein zur Verordnung die richtige Entscheidung gewesen wäre. Wo einfach nur ein kleines bisschen Menschlichkeit den entscheidenden Unterschied gemacht hätte, aber die Figuren haben sich leider dagegen entschieden – manchmal aus Überzeugung, manchmal aus Gehorsam, manchmal auch aus Angst.
Ich finde, es sollten ruhig viele Menschen diese Kurzgeschichten lesen und darüber nachdenken, an welche Zwischenfälle in ihrem eigenen Leben sie sie erinnern. Das ist interessant und auch eine Art Aufarbeitung, zumindest im ganz privaten, individuellen Rahmen. Fragt sich nur, ob die Leute das wollen – vor allem die, die „voll dabei“ waren.
*auf der Webseite geschichte-lernen.net habe ich einen umfangreichen Artikel über den interessanten Menschen Fritz Bauer geschrieben. Dort befindet sich auch die Quelle der hier zitierten Aussage.
Das Buchcover im Beitragsbild verwende ich mit freundlicher Genehmigung von Eugen Zentner.