Beitragsbild: Michael Jackson in 1988
Autor: Zoran Veselinovic; Lizenz: CC BY-SA 2.0
Quelle: Wikimedia Commons
Warum ich finde, dass die kulturelle Wiederauferstehung des King of Pop gesellschaftlich bedeutsam ist
Filmkritiker und andere Journalisten können das Michael Jackson Biopic „Michael“, welches im Frühling im Kino lief, nicht leiden und machten es von Anfang an schlecht. Derweil wurde der Kinofilm zum erfolgreichsten Biopic aller Zeiten. Die Menschen lieben Michael Jackson, vor allem die junge Generation hat sich Hals über Kopf in den King of Pop verliebt. In den Massenmedien aber haben die alten Journalisten ihre Ablehnung gegenüber dem außergewöhnlichen Künstler ihren Nachfolgern anscheinend weitergegeben, mitsamt aller Verdächtigungen und Vorurteile. Aber während es in den 1990er und 2000er Jahren noch gelungen war, viele Leute zu verunsichern und Michael Jacksons Ruf stark zu schädigen, hört heute – so habe ich das Gefühl – kaum jemand den Medien noch zu. Das finde ich bemerkenswert.
MJ Boom 2026: Michael Jackson war nie vergessen, aber so präsent wie jetzt war er schon lange nicht mehr
Michael Jackson überall!
Im Mai habe ich mir „Michael“ im Kino angeschaut und meine Töchter mitgenommen. Sie kannten Michael Jackson vorher schon, weil ich ihnen den „King of Pop“ schon ein paar Mal gezeigt oder immer irgendetwas erzählt hatte, wenn mal wieder „Black Or White“ oder „Beat It“ im Radio lief. Der Film hat dann etwas mit mir, aber auch mit den Kindern gemacht. Er hat unser Herz endgültig für Michael Jackson geöffnet und ich wollte noch viel mehr über ihn wissen. Also kaufte ich mir ein paar CDs und Bücher. Und die Kinder forderten ständig „Mama, lies laut!“, trällern bis jetzt fast täglich seine Songs vor sich hin und malen Bilder:

Ich habe aber schnell gemerkt: Es geht nicht nur uns so. Die beste Freundin meiner Töchter moonwalkte plötzlich durch unsere Küche und klärte mich darüber auf, dass Michael Jackson nichts für seine weiße Hautfarbe konnte. Zunehmend kamen die Kinder mit Michael Jackson Storys aus der Schule:
- „Heute hab ich auf dem Schulhof ein Mädchen mit Michael Jackson T-Shirt gesehen!“
- „Tom singt die ganze Zeit ‚Beat it!‘“
- „Fast alle Jungs in der Klasse sind Michael Jackson Fans!“
Und bei mir in der Arbeit, in der Musikschule im Gitarrenunterricht, sprachen mich etliche Kinder auf den King of Pop an:
„Kennst du Michael Jackson?“
„Ja klar! Jeder kennt ihn.“
„Er ist mein Lieblingssänger! Leider lebt er nicht mehr.“
„Ja, das ist schade, aber man kann ihn ja trotzdem mögen. Magst du auch irgendwelche Sänger, die noch leben und noch neue Musik rausbringen?“
„Nö, ich mag Michael Jackson!“
Und das ist nur ein Beispiel von mehreren. Ich staunte. Was geht hier vor sich? Das ist ja geradezu aufregend!
Ich habe meine Gitarrenschüler zuletzt nicht mehr so oft gefragt, welche Musiker sie mögen, weil ich jahrelang keine spannenden Antworten bekommen habe. Meistens hieß es, sie würden alles durcheinander hören oder mögen einzelne Songs, ohne den Interpreten zu kennen. Einmal hatte ich einen enthusiastischen Eminem-Fan im Unterricht und ein anderes Mal ein Mädchen, das U2 liebte, aber gerade die zeitgenössischen Stars scheinen die jungen Menschen nicht so emotional an sich zu binden wie das in früheren Generationen der Fall war. Und plötzlich stehen sie voll auf Michael Jackson.
Wirft man einen Blick ins Internet, wird man von aktuellem Michael Jackson Content beinahe erschlagen.
Auf Instagram beschäftigen sich unzählige Accounts mit ihm. Eltern filmen ihre kleinen Kinder, die weinen, weil Michael Jackson tot ist. Die spirituelle Fraktion versucht, Kontakt mit seiner Seele aufzunehmen oder zu lesen, was seine Energien uns sagen wollen. Und besonders bemerkenswert finde ich junge Influencer, die auf auf seine Songs, Videos und Auftritte „reacten“, hier ein paar aktuelle Beispiele (es sind noch viele mehr):
- „Jay“ (der gefällt mir besonders gut!) reagiert auf „Billie Jean“ (August 2026)
- „Double Take Reacts“ reagieren auf die Jackson 5 (Juli 2026)
- „Blurify“ reagieren auf „Smooth Criminal“ (Juli 2026)
- „Cliff Beats Classics“ reagieren auf die Jackson 5 („I’ll be there“) (Juli 2026)
- „StaceyRPG“ reagiert auf „Bad“ (Juni 2026)
- „Knox Hill“ reagiert auf „Ghosts“ (Juli 2026)
- „Rosalie Elliott“ reagiert auf „Earth Song“ (Juni 2026)
- „Jordan’s First Listen“ reagiert auf „They Don’t Care About Us“ (Juni 2026)
Es scheint, als würde die Welt Michael Jackson endlich verstehen
Eigentlich hab ich den Sinn von Reaction-Videos nie richtig verstanden, aber wenn die Menschen, so wie im Fall der Reaction-Videos zu Michael Jackson, aufmerksam zuschauen und die Besonderheiten und Botschaften in seinen Videos und Songtexten erfassen und dann in den Kommentaren ausgiebig darüber diskutiert wird, finde ich das wiederum echt cool und wertvoll, denn Michael Jackson hatte so viel zu sagen. Die jungen Influencer tun das, was die Musikjournalisten zu seinen Lebzeiten kaum gemacht haben und die „normalen“ Journalisten schon gleich gar nicht: Ihm wirklich zuhören.
Michael Jackson ist seit über 17 Jahren tot, und doch ist er hier, präsent wie schon lange nicht mehr. Und deutlich wirkungsvoller und strahlender als die letzten etwa 10 – 15 Jahre seines Lebens. Was würde der King of Pop sich freuen, wenn er einen Blick auf diese heutige Situation werfen könnte. Es ist fast wie ein Happy End, denn er hat sich so sehr gewünscht, verstanden zu werden. Und dann sind es auch noch die Kinder, die ihn jetzt ganz besonders hochleben lassen – und bekanntlich liebte Michael Jackson nichts mehr als Kinder, was man dann ja auch übel gegen ihn verwendet hat.
In dem Song „Childhood“, welchen er selbst als seinen ehrlichsten und autobiografischsten Song bezeichnete, beklagte er: „No one understands me“, und kurz nach Michaels Tod erzählte Rabbi Shmuley Boteach, der in den frühen 2000ern sehr eng mit Michael Jackson befreundet war, in der Sendung „Larry King Live“, dass dieser sich von der Welt gehasst gefühlt habe:
„Well, Larry, I was Michael’s guest, along with my family, for his 41st birthday at Neverland in August of 2000. And it became clear this was not a happy birthday. Michael was lifeless, he was indolent and he was energy-less. And the principal was he felt the world hated him. He felt utterly misunderstood. He felt that the 1993 allegations against him had destroyed the public’s perception of him.“ (dieses Zitat findet man in diesem CNN-Transkript zur Sendung)
Rückblick: Mein Eindruck von Michael Jackson in den frühen 2000ern
Ich hab Michael Jacksons Blütezeit verpasst und als ich begann, mich in den späten 1990ern und frühen 2000ern für Musik zu interessieren, gab es internationale Jungstars, die die Aufmerksamkeit fast aller Kinder und Teens auf sich gezogen haben, wie Britney Spears, Eminem, die Backstreet Boys und sehr viele mehr. Sie waren mit ihren Songs omnipräsent, sodass wir für die älteren Wegbereiter der Pop- und Rockmusik eigentlich keine Kapazitäten hatten, weder zeitlich noch emotional.
Michael Jackson kannten wir natürlich trotzdem alle. Wir wussten, dass er der „King Of Pop“ ist, aber wir wussten nicht, warum. Aber obwohl er in den Medien als Verrückter galt, der süchtig nach Gesichtsoperationen ist, seine Haut mit Absicht gebleicht hat, fast sein Baby aus dem Fenster geschmissen hätte und womöglich sogar irgendwelche kriminellen Sachen mit kleinen Jungs auf seiner zwielichtigen Ranch gemacht hat, konnte ich mit dieser abwertenden öffentlichen Haltung, die irgendwas zwischen feindselig und höhnisch war, nicht viel anfangen.
Er hat mir eher leid getan, weil die ganze Welt sich über sein Gesicht lustig gemacht hat. Ich dachte, dass er wegen seines Gesichts sowieso sicherlich sehr leidet und fand es gemein, wenn man ihm Salz in die Wunden streut, und das vor den Augen der Welt. Einfach nur, weil ich als junger Teenager selbst mit dem eigenen Gesicht unglücklich war (wie sehr viele Teenager).
Außerdem war ich ein großer Fan von Britney Spears, und ich empfand sie als vertrauensvoller als alle Medien zusammen. Und Britney hat Michael Jackson geliebt. Interviewer wie Diane Sawyer haben versucht, ihr etwas Schlechtes über ihn zu entlocken, aber sie hatte immer nur liebevolle Worte für ihn übrig. Für mich persönlich war es somit eindeutig, dass Michael Jackson cool sein musste, sonst würde Britney ihn nicht mögen. Und überhaupt schienen die jungen Stars ihn alle anzuhimmeln. Wann immer Michael Jackson irgendwo auftauchte, schienen die Stars vor Ehrfurcht zu erstarren. Die besondere Atmosphäre, sobald Michael Jackson erschien, empfand ich als sehr bemerkenswert. Ich konnte sie nicht so ganz nachvollziehen, aber es musste wohl irgendetwas damit zu tun haben, dass er nun mal der „King of Pop“ war.
Das Problem war, dass wir Teenies von damals ihn fast nur als Medienfigur kannten, aber nicht als Musiker. Die einzigen Songs, die ich kannte, waren „Scream“ zusammen mit Janet Jackson und „They Don’t Care About Us“, weil diese Songs zu den letzten seiner Stücke gehörten, die in der Mitte der 90er in den Charts waren und die ich als Kindergarten- oder Grundschulkind gehört hatte. Zu beiden Songs hatte ich keinen emotionalen Zugang, weil sie aufgebracht, sperrig und wütend klingen. Ein ausgelassen-freches „Oops…I did it again“ gefiel mir natürlich sehr viel besser. Heute weiß ich, dass diese Songs gar nicht darauf ausgelegt waren, einem kleinen Kind oder jungen Teenager zu gefallen, sondern es einen guten Grund für ihren wütenden, aggressiven Charakter gab.
Ich kann mich aber nicht erinnern, dass während der 2000er seine Songs überhaupt noch irgendwo gespielt wurden. Heute würden wir sagen, er wurde damals „gecancelt“. Davon, dass er 2001 nochmal ein Album rausgebracht hat, hatte ich gar nichts mitbekommen, obwohl ich mich extrem für Popkultur interessiert hab. Ich feierte „Smooth Criminal“ von Alien Ant Farm ohne zu kapieren, dass es ein MJ-Coversong ist und fand das Video dazu cool, ohne auch nur eine einzige der zahlreichen Anspielungen auf Michael Jackson zu verstehen. Die meisten von Michael Jacksons Welthits hörte ich erst zufällig im Laufe meiner späten Jugend und meines frühen Erwachsenenlebens nachdem er gestorben war, überwiegend weil sie mir irgendwo im Internet begegneten oder dann eben doch wieder im Radio gespielt wurden.
Aber die große Erkenntnis, warum Michael Jackson letztendlich der größte Popstar aller Zeiten gewesen ist und wie er dazu wurde, die fehlte mir ganz lange.
Die Kritik am Biopic „Michael“: Journalisten und Filmkritiker wollen keine Hommage an Michael Jackson sehen
Nach „Michael“ habe ich verstanden, warum Michael Jackson der King of Pop war
Und dann sah ich das Kinoplakat zu „Michael“, und wurde ganz vorfreudig. Endlich würde ich erfahren, warum Michael Jackson der King of Pop war und wie er dazu wurde! Als ich aus dem Kino kam, war mein Kopf voller Ohrwürmer: „Billie Jean“, “Beat it“, “Bad“, “Don’t Stop Till You Get Enough“. Ich wollte sie immer wieder hören und die echten Musikvideos und Live-Performances dazu sehen. Es war ein aufregendes und wohltuendes Gefühl!
Der Film, dessen großer Schwerpunkt Michaels Songs und Performances sind und der somit ein richtiger Musikfilm geworden ist, hatte mich sehr berührt und ich wollte wissen, ob es anderen Leuten genauso ging. Und da sah ich es: Die Kinogänger, so wie ich, lieben ihn. Die Filmkritiker und Journalisten aber zerreißen ihn in der Luft oder kritisieren ihn mindestens als oberflächlich oder „verlogen“ (Spiegel). Was bitte haben sie daran auszusetzen? Können sie wirklich ihr Herz derart verschließen, dass die humor- und gefühlvoll erzählte Geschichte von Michael Jacksons Aufstieg und seine fesselnden Songs sie kalt lassen?
Wenn es nach den Kritikern geht, darf man Michael Jacksons Musik nicht genießen
Ja, können sie. Ihnen sind die Songs anscheinend ziemlich egal, ebenso wie die beeindruckende Leistung des Hauptdarstellers Jaafar Jackson, Michaels Neffe (oder des kleinen Juliano Krue Valdi, der Michael als Kind verkörpert und dabei ebenfalls eine geniale Darbietung hinlegt). Ob die Filmkritiker, deren Reviews bei Rotten Tomatoes verlinkt sind, oder unsere Mainstream Medien von Spiegel über Tagesspiegel bis hin zu NDR: Sie alle bemängeln, dass der Film die Kindesmissbrauchsvorwürfe gegen Michael Jackson nicht aufgreift.
Dabei endet die Filmhandlung 1984 mit dem letzten Konzert der „Victory Tour“, und es gibt zum Schluss mit der Darstellung einer Performance von „Bad“ aus dem Jahr 1988 lediglich eine Art Ausblick auf Michael Jacksons weitere Karriere. Die Missbrauchsvorwürfe kamen in den 1990ern auf, sie können chronologisch gesehen überhaupt nicht thematisiert werden. Oder wollten die Kritiker etwa dargestellt sehen, wie der junge Michael Jackson davon träumt, kleine Jungs unsittlich zu berühren oder es sogar tut? Wollten sie vielleicht, dass der Film einen Mann zum Täter macht, gegen den bis heute ausschließlich Worte vorliegen (die bei näherer Betrachtung auch noch voller Widersprüche sind und unzählige Fragen aufwerfen), aber nicht der leiseste Beweis einer Schuld?
Manche Kritiker deuten an, dass es ein geschickter Schachzug gewesen sein könnte, den Film vor den Missbrauchsvorwürfen enden zu lassen: „A (…) script by John Logan (Gladiator) gives us a peek that lasts up until the late ’80s. Up until the allegations“ (Dwight Brown). Der Film endet auf dem Höhepunkt von Michael Jacksons Karriere. Er stellt den King of Pop vor, feiert ihn und lässt die Krone auf seinem Kopf. Das ist doch ok so. Warum darf ich als Zuschauer nicht diesen Musiker für einen Moment feiern und mehr nicht? Warum darf ich Michael Jackson und seine Musik nicht einfach genießen? Michael Jacksons ganzes Leben hätte sowieso nicht in einen zweistündigen Kinofilm gepasst.
Ohnehin endet der Film mit dem Schriftzug „Seine Geschichte geht weiter“, und eine Fortsetzung ist auch schon bestätigt. Mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit werden dann auch die Missbrauchsvorwürfe thematisiert werden, weil sie Michaels restliches Leben auf dramatische Weise dominiert haben. Die Art und Weise, wie sie thematisiert werden, wird den Kritikern ziemlich sicher missfallen, das sage ich jetzt schon voraus. Aber gut möglich, dass auch dieser Film wieder Rekorde brechen wird, und dann genießen wir eben nicht „Beat it“ und „Billie Jean“, sondern spätere Songs wie „Black Or White“ oder „They Don’t Care About Us“. Ich freu mich schon!
Immerhin gestehen einige Kritiker Jaafar zu, eine Glanzleistung abgeliefert zu haben, und der NDR schreibt sogar von den „zugegeben noch immer großartigen Michael-Jackson-Songs“ – als müsste man das Gutfinden seiner Songs wie eine Schandtat „zugeben“.
Die Jackson-Familie muss nicht kritisch sein. Sie darf eine Hommage produzieren!
Jaafar Jackson ist nicht der einzige Beteiligte an dem Film, der direkt zu Michael Jacksons Familie gehört. Michaels Sohn Prince Michael Jackson Jr. ist ebenso ein Executive Producer des Films wie fünf seiner Geschwister: Jermaine, Jackie, Tito (verstorben 2024), Marlon und La Toya. Jeder weiß, dass die Jackson-Familie hinter Michael steht. Die Geschwister teilen sich mit ihm eine Mutter, die noch am Leben ist und ihren Sohn vermisst. Die Kinder haben sehr früh einen Vater verloren, zu dem sie eine intensive Bindung hatten.
In diesem Film wird nicht nur eine popkulturelle Geschichte erzählt, sondern die Geschichte eines Menschen, den die Beteiligten kannten und liebten. Für sie ist er nicht der mutmaßliche Schwerverbrecher, zu dem ihn die Medien gemacht haben. Er ist aber auch nicht einfach nur der King of Pop. Er ist ein fehlendes Familienmitglied. Aus diesem Film spricht echte Liebe und menschliche Wärme, was sicher auch mit ein Grund ist, warum er mich so berührt hat. Man merkt Jaafar Jackson an, dass er nicht einfach nur eine Rolle spielt, sondern der Welt zeigen will, was sein Onkel für ein herzlicher und talentierter Mensch war.
Man muss sich nur mal anschauen, wie Michaels Sohn Prince hier in diesem Interview bis über beide Ohren strahlt und wie liebevoll er über das Biopic spricht, um zu verstehen, dass es nicht einfach eine Filmproduktion ist, sondern ein Herzensprojekt:
Prince Michael Jackson Jr. spricht mit leuchtenden Augen über das Biopic „Michael“ und strahlt dabei über das ganze Gesicht:
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Was Michael Jacksons Comeback meiner Meinung nach gesellschaftlich bedeutet
Natürlich kann man jetzt sagen, es sei doch nicht viel dabei. Ein Kinofilm ist erfolgreich und die Songs eines längst verstorbenen Künstlers sind wieder in den Charts – cool, und was geschieht gerade sonst so in der Welt? Jede Menge und davon nicht allzuviel Gutes. Aber ich sehe noch viel mehr. Ich finde den Erfolg des Biopics und Michael Jacksons neu entfachte Popularität bemerkenswert, und zwar auf einer höheren gesellschaftlichen Ebene jenseits der Pop- und Unterhaltungskultur.
Keiner hört zu: Die Massenmedien verlieren an Einfluss
Es ist klar, dass die meisten Medienvertreter, die über das Biopic geschrieben haben, dem Film seinen Erfolg missgönnen. Sie haben ihn schlecht gemacht, wollten nicht dass er erfolgreich wird, und da er doch alle Rekorde gebrochen hat, greifen manche von ihnen das Publikum an: Es gibt sich mit einem so oberflächlichen Film zufrieden. Es zelebriert, genießt – und blendet die Missbrauchsvorwürfe einfach aus! Wo bleibt da die Moral und die Verantwortung?
Aber ich habe das Gefühl, dass dieser erhobene Zeigefinger nicht wirkt, die Moralkeule scheint die Leute zu langweilen, sie ignorieren sie. Vielleicht weil die Redakteure von uns, den Rezipienten verlangen, einen (gerichtlich freigesprochenen!) Künstler kritisch zu hinterfragen und die positiven Gefühle zu unterdrücken, die seine Songs und Performances in uns auslösen, aber selbst nicht bereit sind, die Anschuldigungen und all die dazugehörigen Hintergründe und Details zu hinterfragen, aufzuarbeiten und endlich mal wertvolle, handfeste und vollständige Informationen zu liefern, auf deren Basis man sich sinnvoll eine Meinung bilden kann – was ja streng genommen eigentlich ihr Job wäre.
So zeigt das Comeback von Michael Jackson, dass ein großer Teil der Bevölkerung sich nicht von der Stimmung der Massenmedien mitreißen lässt. Ich werde das Gefühl nicht los, dass sie immer mehr an Einfluss verlieren – je mehr sie uns vorzuschreiben versuchen, was wir zu denken und wen wir zu verachten haben und je weniger sie uns tatsächlich mit ausgewogenen, ehrlichen und vollständigen Informationen versorgen.
Mich zum Beispiel haben die großen deutschen Medien spätestens dann verloren, als ich mich tagesaktuell mit dem Prozess von Julian Assange beschäftigt habe. Weil ich täglich die Berichte eines Prozessbeobachters angesehen habe, wusste ich mehr darüber als die Journalisten der großen Medienhäuser, die ihre oberflächlichen, framenden Artikel gedankenlos in die Welt geschmissen haben, ohne je im Gerichtssaal gewesen zu sein oder mit Prozessbeobachtern gesprochen zu haben.
Sicherlich trägt auch die Gegenöffentlichkeit dazu bei, dass der Einfluss der großen Medien sinkt. Ich meine damit die alternativen Nachrichtenseiten, YouTube und diverse Social Media Plattformen, wo man, wenn man bereit ist, ein bisschen gründlicher zu suchen, jede Menge gut recherchierter Informationen und oft sogar Primärquellen geliefert bekommt.
Im Fall Michael Jackson ist es sogar ganz beeindruckend, wie sehr sich einige seiner ehemaligen Mitarbeiter dafür einsetzen, seinen Namen reinzuwaschen, und welchen Aufwand seine Fans betreiben, um alle Fakten zu sortieren und Hintergründe offenzulegen, um der Welt zu erklären, weshalb sie von seiner Unschuld absolut überzeugt sind. Klar sind sie parteiisch. Aber das sind die Massenmedien auch. Der Unterschied ist aber: Die einen erklären ihre Position ausführlichst, die anderen schreien einfach nur: „Missbrauchsvorwürfe!“

Echtheit statt KI: Die Menschen sehnen sich nach bedeutungsvoller Kunst
In einer Zeit, in der künstliche Intelligenz in wenigen Sekunden einen fertigen Song machen kann, den niemals irgendein Mensch komponiert, getextet, eingespielt/eingesungen, abgemischt und produziert hat, sehnen sich junge Menschen ganz offensichtlich nach Authentizität, Echtheit und bedeutungsvoller Kunst, die ein Künstler mit seinem eigenen Talent geschaffen und mit seiner eigenen Botschaft versehen hat. Michael Jackson ist dafür ein Paradebeispiel, weil er nicht nur ein Allroundtalent war, der viele seiner Songs auch selbst komponiert hat, oft am Produktionsprozess beteiligt war, ebenso wie an den Choreografien und an den Ideen zu den Musikvideos, sondern weil seine Musik auch untrennbar mit seinem Werdegang als Musiker, seinen persönlichen Werten und seinem Leben verbunden ist, was sie sehr authentisch macht.
Als Michael Jackson sich Ende der 1970er und Anfang der 1980er Jahre zum Superstar hochgearbeitet hat, war er ein Liebe verströmender, gut gelaunter und humorvoller Sonnyboy, und genau so klingen auch viele Songs seiner Alben „Off The Wall“ und „Thriller“.
Als er Ende der 1980er/ Anfang der 1990er auf dem Höhepunkt seiner weltweiten Bekanntheit stand, präsentierte er der Welt Songs wie „Man in the Mirror“, „Heal the World“ und „Black or White“ – positive, hoffnungsvolle Lieder, die große Botschaften enthalten über eine bessere, friedliche, verbundene Welt und darüber, dass es die Aufgabe jedes einzelnen Menschen ist, seinen Teil dazu beizutragen.
Mitte der 1990er Jahre hingegen, nach Jahren im globalen Rampenlicht als Lieblingszielscheibe der Massenmedien, und ganz besonders nach den Missbrauchsanschuldigungen von 1993, war er ein wütender und manchmal auch verzweifelter Rebell, und genau das hört man Songs wie „They Don’t Care About Us“, „Scream“ und „Earth Song“ auch an.
Ich will nicht sagen, dass es heute keine authentischen Weltstars gibt, die bedeutungsvolle Songs herausbringen, aber die großen Botschaften wie in „Heal the World“ fehlen schon irgendwie. Vielleicht brauchen wir, gerade die jüngeren Menschen, die Authentizität und die Bedeutsamkeit in der Popkultur, die Michael Jackson repräsentiert, gerade besonders dringend, und deshalb lieben ihn alle wieder. Junge Menschen machen sich auch selbst Gedanken darüber, warum ihnen und ihrer Generation plötzlich Michael Jackson so viel bedeutet. Die folgenden zwei Videos von jungen Frauen haben mich zum Nachdenken gebracht. Ihre Art, die gegenwärtige Welt, in der sie gerade erwachsen werden, zu reflektieren und Michael Jackson, seine Kunst und seine Botschaft auf eine Ebene zu heben, die weit über bloße Unterhaltung hinausgeht, finde ich toll:
Haylo Hayley: Why Gen Z Has Fallen In Love With Michael Jackson
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Techlich Lena: Michael Jacksons Rückkehr: Was gerade wirklich passiert
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„In my heart, I feel you are all my brothers“: Michael Jackson als Symbol für Verbundenheit
Ich finde es total schön, auf YouTube und Instagram die Kommentare unter Michael Jackson Content zu lesen. Warum? Weil man liebevolle Botschaften an den verstorbenen Künstler in sämtlichen Sprachen findet. Man sieht deutsche, englische, italienische, französische, arabische, türkische, chinesische, hebräische, spanische, armenische und russische Kommentare. Ich habe sogar Sprachen gesehen, die ich nicht erkannt habe. Es fühlt sich so an, als sei die Welt sich einig darüber, dass sie Michael Jackson vermisst.
Auch in meinem persönlichen Umfeld habe ich die interessante und heutzutage seltene Erfahrung gemacht, dass zu Michael Jackson so gut wie niemand eine wirklich negative Meinung hat, und das eben obwohl er in den Medien noch immer als Verbrecher oder mindestens „umstritten“ dargestellt wird.
Klar gibt es auch Menschen, die ihn hassen. Es gibt zum Beispiel auf Reddit ganze Gruppen, die sich nur darüber austauschen, wie schlimm er gewesen sein soll, und natürlich sind sie auch davon überzeugt, dass er „schuldig“ war. Sie schreiben hier und da mal einen ablehnenden oder hasserfüllten YouTube Kommentar und fordern auf Social Media sämtliche Männer, die als Kinder mit Michael befreundet waren, dazu auf, sich als Missbrauchsopfer zu „outen“. Aber das kommt mir vor wie ein winziges, bizarres Internetphänomen – wichtig für die, die daran teilnehmen, aber total unbedeutend für die Allgemeinheit.
Michael Jackson hat immer überall viel Verbundenheit verbreitet, und er hat mit manchen seiner Songs die gesamte Menschheit geradezu umarmt, wie mit „Black or White“ und mit „Heal the World“, aus dem die in der letzten Überschrift zitierte Zeile stammt. Er hat alle Kinder der Welt als „seine Kinder“ bezeichnet (London 1992, 1.25 Minuten). Und das scheint nachzuwirken.