In der deutschen Landwirtschaft leben etwa 156 Millionen Hühner, darunter sind etwa 42 Millionen Legehennen für die kommerzielle Eierproduktion. Fünf von diesen 156 Millionen Tieren wohnen jetzt in unserem Garten. Tagsüber scharren, picken oder ruhen sie in schattigem Gestrüpp, nachts schlafen sie in einem liebevoll von meinem Vater selbst gebauten Hühnerstall. Sie sind etwa 18 Monate alt und sind am 01.08.2026, aus einem Stall mit über 1100 Legehennen, bei uns eingezogen. Normalerweise hätte ihr Weg sie direkt in den Schlachthof geführt, wie es fast allen ihren Artgenossinnen aus der Eierindustrie ergeht, sobald die Legeleistung auch nur ein kleines bisschen nachlässt. Von unseren fünf Hühnern bekommen wir immer noch jeden Tag vier bis fünf Eier, es legt also doch noch jedes Huhn fast jeden Tag ein Ei.


Warum es unbedingt Hühner aus der industriellen Massentierhaltung sein sollten


Die Massentierhaltung und der verschwenderische Umgang, den wir Menschen mit dem Leben von „Nutztieren“ (so wie die meisten im Tierschutz aktiven Menschen, hasse ich dieses Wort, deshalb die Anführungszeichen) pflegen, sind für mich ein sehr schwieriges Thema. Wenn ich Bilder oder Videos von Tieren sehe, die missbräuchlich gehalten werden und leiden oder sich panisch gegen die Schlachtung oder eine Betäubung wehren (Stichwort: CO2-Gondel für Schweine), halte ich das nicht aus. Mir schießen sofort Tränen in die Augen, und das als allgemein eher gefasste Person, die nicht so schnell aus der Ruhe zu bringen ist. Das, was wir mit einer schier unglaublichen Anzahl an „Nutztieren“ tun, ist für mich ein schreckliches Verbrechen und durch nichts zu rechtfertigen.

Doch auch gute „Nutztierhaltung“ macht mich immer wieder traurig. Freilandhühner, friedlich grasende Kühe in Österreich oder Schafherden: Stets befällt mich eine immense Traurigkeit, wenn ich mir bewusst mache, dass das, was ich sehe, nur eine Momentaufnahme ist. Diesen Tieren geht es gerade gut, und sie sind sorgenlos und unbeschwert. Das ist schön, aber doch werden sie kein langes Leben haben. Ihre letzten Momente werden aus Stress und vielleicht auch Panik bestehen. Tiere spüren, was ihnen bevorsteht, das habe ich schon mehrere Schlachter bestätigen gehört, auch im Privatleben.

Ich weiß noch gut, wie ich einmal Eier aus dem Automat eines Freilandbetriebs in meiner Nähe geholt habe, und es war kein einziges Huhn zu sehen. „Ach, dann sind sie wohl gerade geschlachtet worden und die neuen Hühner sind noch nicht da„, bemerkte eine alte Frau, die auch gerade am Automaten stand. Mir lief es eiskalt den Rücken runter und ich hatte keine Freude mehr an meinen „ach so guten“ Freilandeiern. Hunderte von Leben – einfach von heute auf morgen beendet, und wir tun so, als wäre nichts dabei.

Doch mir als normalem Menschen, der einfach nur sein Leben lebt, stehen nicht viele Möglichkeiten zur Verfügung, um etwas gegen diesen Tiermissbrauch zu tun. Ich kann auf Fleisch verzichten, was ich schon seit 25 Jahren – seit ich 11 Jahre alt bin – tue. Ich mache das aus Überzeugung und ich kann mir auch gar nichts anderes mehr vorstellen. Jemanden essen, der selbst – so wie ich – in Ruhe leben wollte? Ein für mich nach all den Jahren geradezu absurder Gedanke. Aber was bringt das schon? Es setzt ein Zeichen, aber rettet kein einziges Leben.

Vor einigen Jahren habe ich dann diese WDR-Doku über den Verein Rettet das Huhn gesehen und wusste: Das will ich auch irgendwann machen. Es geht nicht vordergründig darum, eigene Eier zu haben, sondern ich will verlorenen Seelen aus der Massentierhaltung, deren Leben kaum jemandem etwas wert ist und nie dazu gedacht war, schön zu sein oder lange zu dauern, ein liebevolles Zuhause geben. Und das hab ich jetzt gemacht.

Diese Legehennen aus Massentierhaltung leben nun in unserem Garten.


Auch ein Huhn will glücklich sein: Unsere Hühner und ihr neues Leben


Drei von den fünf Hennen, die wir bekommen haben, sahen von Anfang an gut aus. Sie hatten ein volles, schönes, braunes Federkleid und rote Gesichter. Sie kamen aus einem Freilandbetrieb mit ca. 1100 Tieren. Zwei Hühner sahen ein wenig zerrupft aus, mit kahlen Stellen, und sie hatten blasse Gesichter. Das, so sagten es die Expertinnen von Rettet das Huhn, sei ein Hinweis darauf, dass sie vermutlich nie oder fast nie draußen waren. Denn in der Realität bedeutet Freilandhaltung nicht, dass wirklich jedes Huhn sich regelmäßig draußen aufhält. Viele Tiere trauen sich nicht nach draußen und verbringen die Tage in den Ställen, die eher aussehen wie Industriehallen.

Unser blassestes Huhn „Lucky“ war früher wahrscheinlich nie oder sehr selten draußen.

Vor allem eines der Hühner war anfangs sehr verunsichert und verließ unseren Stall nicht, doch schon nach wenigen Tagen fand es Gefallen daran, draußen zu sein. Nach einer Woche warteten alle Hühner morgens, wenn ich kam, um sie rauszulassen, schon an der Stalltür und drängten ungeduldig nach draußen. Sie laufen nun tagein, tagaus herum, picken hier und da, scharren und machen sich Mulden in den trockenen Sommerboden, wo sie dann ihre Staubbäder nehmen. Eines der Hühner war von Anfang an sehr zutraulich und kam ab Tag 1 interessiert auf uns zu, nach einigen Tagen machten ihre „Freundinnen“ ihr nach und mittlerweile kommen alle fünf Hühner neugierig auf uns zugerannt, wenn wir das Hühnergehege betreten. Sie freuen sich, wenn wir etwas Obst und Gemüse mitbringen oder Körnerfutter auf dem Boden verteilen, wobei ihre Hauptnahrung Legemehl bleiben muss. Da ihre Körper darauf gezüchtet wurden, möglichst viele Eier zu legen, sind sie auf dieses spezielle Futter für Legehennen angewiesen.

Der Verein Rettet das Huhn hat uns auch klar und deutlich darauf hingewiesen, dass unsere Hühner wahrscheinlich nur 2 – 3 Jahre bei uns überleben werden, und dass sie im Laufe ihres verkürzten Lebens wohl auch Krankheiten bekommen werden, die typisch für Legehennen sind. Wir werden diese Krankheiten beim Tierarzt behandeln oder im Notfall das betreffende Huhn einschläfern lassen müssen, weil diese Krankheiten ansonsten zu einem qualvollen, langsamen Tod führen werden. Das sind Krankheiten wie zum Beispiel Legedarmentzündungen und Legenot.

Aktuell, wo wir die Hühner seit zwei Wochen haben, hüpfen sie (außer eine von ihnen) noch schnell davon, wenn wir sie anfassen möchten. Ich hoffe, dass sie in Zukunft so viel Vertrauen in uns haben werden, dass wir sie einfach so streicheln und hochnehmen können.

Am dritten oder vierten Tag mit den Hühnern hatte ich ein prägendes Erlebnis: Wir haben von Rettet das Huhn die dringende Empfehlung bekommen, die Tiere zu entwurmen und sie gegen die rote Vogelmilbe zu behandeln, und zur Entwurmung musste ich ihnen eine Flüssigkeit direkt in den Schnabel geben. Meine Tochter hielt sie auf dem Schoß, während ich ihren Schnabel festhielt, bis sie ihn aufmachten, und die Flüssigkeit in den unteren Schnabelteil träufelte. Die Hühner reagierten ängstlich und verunsichert, bisweilen sogar panisch. Man konnte die Angst in ihren fragenden Augen lesen: „Was machst du mit mir???

Ich versuchte, meinen neuen Haustieren gut zuzureden. Sie hatten nichts zu befürchten, aber das konnten sie natürlich nicht wissen. Dieser Moment hat mich schmerzlich daran erinnert, dass sie alle Angst haben. Jedes einzelne der 156 Millionen Hühner in der Massentierhaltung hat Angst, wenn man ihm Gewalt antut, und möchte ein artgerechtes, sorgenfreies Leben leben. Nur im Gegensatz zu meinen Hühnern, ist die Angst der meisten Hühner berechtigt. Und das tut mir weh. Dass wir sie behandeln, als seien sie überhaupt keine fühlenden Lebewesen.


Mit meinen Hühnern löse ich keine Probleme – und mache die Welt doch ein kleines Bisschen besser


Mir ist klar, dass Hühner auch vor dem Zeitalter der Massentierhaltung in Gärten gehalten und eigentlich immer früher oder später geschlachtet worden sind. Und auch heute erwartet dieses Ende viele Gartenhühner, die zwar eine verschwindend geringe Minderheit im Vergleich zu den Hühnern sind, die in Massentierhaltung leben, aber doch in immer mehr Gärten ihr Zuhause haben. Mir ist auch klar, dass in der Natur hühnerartige Vögel Beutetiere sind, die zahlreichen Tieren als Nahrung dienen, zum Beispiel Füchsen, Mardern, Greifvögeln oder Eulen – hier jedoch haben das Huhn und seine Verwandten ihre Überlebensstrategien und somit eine Chance, die sie unter menschlichem Einfluss niemals haben werden. Vor dem Fuchs gibt es mit Tarnung und Flucht ein Entkommen, vor dem Menschen niemals.

Als wir unseren Hühnern ein Medikament zur Entwurmung einflößten, hatten sie Angst, teilweise fast schon Panik. Das machte mir nochmal umso mehr schmerzlich bewusst, dass auch Hühner fühlende Lebewesen sind.

Das Verhältnis zwischen Raub- und Beutetier ist philosophisch betrachtet im Tierschutz ein schwieriges Thema – wir tierlieben Menschen lieben die Raubtiere genau wie die Beutetiere, und natürlich tut es vielen von uns weh, dass die einen die anderen grausam jagen und töten. Aber ich persönlich sage: Das ist etwas, was wir nicht ändern können. Ebenso werden wir die Menschheit nie vegan oder auch nur vegetarisch machen. Ich lebe nicht einmal selbst vegan, sondern konsumiere einige Tierprodukte in bewussten Grenzen, weil ich die vegane Lebensweise zwar in ethischer Hinsicht voll und ganz verstehe, allerdings nicht sicher bin, ob sie nicht doch gesundheitliche Nachteile hat. Meine Familie und ich essen auch die Eier unserer Hühner, auch wenn ich es natürlich ablehne, Tiere so zu überzüchten, dass sie um ein Vielfaches mehr Eier legen als die Natur es eigentlich vorgesehen hat. Einige ihrer Eier bekommen unsere Tiere selbst, sie fressen sie nämlich extrem gern. Im Tierschutz hat jeder seine eigenen Grenzen, die einen sind etwas weiter, die anderen sehr eng.

Ich verstehe viele Kompromisse im Tierschutz, aber eines ist mir klar: Ich lehne die industrielle Massentierhaltung mit ihrer maßlosen Verschwendung kostbaren Lebens von ganzem Herzen und aus tiefster Überzeugung ab. Das Ende der Massentierhaltung ist einer meiner sehnlichsten Herzenswünsche, doch wir sind so weit davon entfernt, dass ich nicht einmal einen kleinen Hoffnungsfunken am Horizont sehe, das noch erleben zu dürfen.

Doch mit meinen fünf industriellen Legehennen, die nun ein glückliches Hühnerleben in meinem Garten führen und denen ich helfen werde, wenn sie krank werden, habe ich ein Zeichen gegen die Massentierhaltung gesetzt. Es verschafft mir ein bisschen Seelenfrieden und macht mich ein klein wenig stolz. Wir – meine Familie und ich – haben dadurch nicht die Welt verändert, wir haben die Massentierhaltung nicht einmal ansatzweise bekämpft, aber wir haben die Lebenswelt und das Schicksal dieser fünf einzelnen, kleinen, gefiederten Seelen ins Positive gelenkt und dadurch die große Welt in unserem winzigen Mikrokosmos doch ein kleines bisschen besser gemacht.

Wer ebenfalls ein paar Legehennen aus der Massentierhaltung ein schönes Zuhause geben möchte, findet auf der Webseite von Rettet das Huhn alle Infos und die nächsten Rettungstermine.

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