Im Dezember 2025 fand mein Hund morgens einen Igel im Garten. Da Igel im Dezember eigentlich nicht mehr unterwegs sind, erst recht nicht am Morgen, wo es schon hell ist, sicherte ich den Igel in einem Karton. Am Ende verbrachte der Igel drei Wochen in einer vom örtlichen Tierschutzverein betriebenen Igelauffangstation und kam dann zu mir zurück, wo er einen sogenannten „gesicherten Winterschlaf“ machen konnte. Im April wilderte ich ihn aus und versorge ihn seitdem täglich mit Futter, damit er auch schön in meinem Garten bleibt, wo ihn kein Auto zerquetschen und kein Mähroboter ihm das Gesicht zerschneiden kann.

Warum schreibe ich darüber? Weil Igel die Verlierer der menschlichen Zivilisation sind. Sie sind stille, kaum sichtbare Mitbewohner unserer Städte, von deren Überlebenskampf die meisten Menschen oft nichts mitbekommen. Am häufigsten sieht man einen Igel immer noch morgens zerquetscht auf der Straße liegen, ansonsten bleiben die kleinen Insektenfresser meist im Verborgenen – und nicht selten leiden sie dort. Dabei kann man ihre Lebensgrundlagen mit einem kleinen Bisschen Bewusstsein und Rücksicht verbessern. Und deshalb dieser Artikel – um ein bisschen Bewusstsein zu schaffen für das stille Leiden der Igel, und dafür, wie man es mit wenig Aufwand lindern kann.


Stachlige Mitbewohner: Was braucht ein Igel im Garten, um gut zu leben?

Schon seit geraumer Zeit, seit ich vor fast drei Jahren in ein Haus mit Garten gezogen bin, habe ich damit angefangen, mich über Social Media über Igel zu informieren. Ich hatte dann auch seit letztem Sommer, als mein Hund mal spätabends nach dem Spaziergang einen Igel aus dem Gebüsch gezogen hat, angefangen, Futter raus zu stellen. Erst war es als eine kleine Entschuldigung gemeint für den Schrecken, den der arme Igel sicherlich erlitten hatte. Aber es wurde zur Gewohnheit, und das Schälchen war auch jeden Morgen brav aufgegessen.

Mein Mann neckte mich ein bisschen: „Das sind bestimmt Katzen, die das fressen.“ Aber irgendwann, mit ein bisschen herumprobieren, fand ich heraus, wann der Igel zum Fressen kommt und ging manchmal um genau diese Uhrzeit raus, und da sah ich ihn schon Richtung Futter laufen. Ich hatte wirklich viel Freude daran, und ich glaube, letztendlich waren es dann insgesamt drei Igel in meinem Garten. Ohne Wildtierkamera ist das immer schwer zu beurteilen.

Igelkundige Webseiten und Social Media Kanäle betonen immer, dass man Igel ruhig das ganze Jahr über füttern soll, bis sie schlafen gehen. Denn der Insektenmangel sei inzwischen so akut, dass sie eigentlich nie wirklich genug Fressen finden. Das Futter muss einen hohen Anteil an Fleisch haben, mindestens 60 %. Die Igelstation, in der „mein“ Igel drei Wochen lang behandelt wurde, empfahl hochwertiges Katzenfutter – trocken oder nass, das ist egal. Fertiges Igelfutter aus dem Gartenfachmarkt ist allerdings in der Regel leider nicht geeignet. Auch rohes Fleisch sollten Igel nicht fressen.

Ansonsten braucht ein Igel nicht viel, um sich in einem Garten wohl zu fühlen:

  • Löcher zum Durchschlüpfen, damit er von Garten zu Garten wandern kann. Sie müssen nicht groß sein. Bei uns reichen die Abstände zwischen Boden und Gartenzaun, mein Vater hat auf meine Bitte hin eine Strebe aus seinem Zaun entfernt.
  • Wilde Stellen oder gerne auch kleine Holzhaufen, die man in der Ecke einfach liegen lässt. Dort kann sich der Igel tagsüber oder im Winter verstecken.
  • Seine Ruhe. Meine Hunde dürfen ab Dämmerungseinbruch nicht mehr nach draußen in den Garten, und das klappt gut. Tagsüber scheinen die Igel gut versteckt zu sein, denn meine Hunde spüren sie nicht auf. Vielleicht versuchen sie es auch gar nicht erst, wer weiß das schon? Einen Mähroboter, der sie verstümmeln könnte, haben wir nicht.
Ein Durchgang für Igel im Gartenzaun meines Vaters.


Igel in Not gefunden – was tun?


Irgendwann Ende November blieben meine Schälchen dann voll, und mir wurde klar, dass sich meine Gartenigel in den Winterschlaf verabschiedet hatten. Aber dann war da Wochen später dieser Igel morgens im Gras – mitten im Winter, bei Tageslicht. Das war auffällig, also sicherte ich ihn und frage eine Freundin, die seit Jahren Igel aufpäppelt und durch den Winter bringt, nach einem ersten Rat. Sie sagte: Ein hoher Karton, etwas Wasser und dann drinnen in einen unbeheizten Raum stellen. Füttern soll man gefundene Igel im Winter erst, wenn sie aufgewärmt sind, und dann auch erst einmal nur ein bisschen.

Lustigerweise hatte ich während der ganzen Igelsicherungsaktion gerade ein berufliches Videotelefonat mit einem langjährigen und vertrauten Geschäftspartner. Ich hielt den eben gesicherten Igel im Karton in die Kamera und bat um Verständnis, und mein Kollege lachte nur kopfschüttelnd. Nach dem Call kümmerte ich mich dann darum, was nun mit dem Igel geschehen soll.

Auf Facebook gibt es eine geniale Gruppe namens „IGEL – Notfälle – Beratung und alles Drumherum“. Dort ist so gut wie immer ein Admin online, der einem innerhalb von wenigen Minuten eine passende Pflegestelle vermittelt und auch Tipps gibt für die Zeit, bis man den Kontakt zur Pflegestelle hergestellt hat. Ich sprach der Auffangstation in unserer Stadt auf den Anrufbeantworter und ließ den Igel derweil in seinem Karton sitzen.

Am Abend durften wir mit dem Igel kommen, und die Tierpflegerin dort stellte bereits ältere Verletzungen fest und meinte, der Igel hätte vermutlich sein Nest verloren und würde es jetzt gar nicht mehr schaffen, ein neues zu finden und in den Winterschlaf zu gehen. Allerdings hatte er ein gutes Winterschlaf-Gewicht. Sie fragte mich, ob wir den Igel später wieder zurücknehmen und ihm einen aufbruchsicheren Platz für seinen Winterschlaf anbieten könnten, und das war zum Glück kein Problem. Wir haben auf unsrem Grundstück noch uralte Hasenställe aus vergangenen Generationen. Tierquälerei war das damals für die Hasen, aber für einen winterschlafenden Igel ist so ein Stall ideal.

Und so blieb der Igel drei Wochen bei der Igelauffangstation, dann holten wir ihn ab, setzen ihn in den Hasenstall, wo wir mittlerweile auch ein igluartiges, mit Stroh und Zeitung befülltes Schlafhaus hineingestellt hatten, und noch in derselben Nacht verschwand er in seinem Iglu und ward nicht mehr gesehen – bis Anfang April.


Auswildern oder weiter pflegen?


Jeden Tag schaute ich kurz in den Stall, aber alles war still. Manchmal fragte ich mich, ob der Igel überhaupt noch lebte, aber schließlich begann sich etwas zu regen. Erst kam er nur alle paar Tage raus, dann hinterließ er Häufchen und schlussendlich lief er jeden Abend durch den Hasenstall – auf der Suche nach Futter, das natürlich bereit stand, und einem Ausgang, den ich ihm noch nicht bieten konnte.

Natürlich freute ich mich sehr darauf, den Igel – den ich übrigens im Laufe der Zeit „Iggy“, angelehnt an den Sänger Iggy Pop, genannt hatte – auszuwildern, denn er tat mir leid in seinem kleinen Gehege. Er wusste nicht, was das alles sollte und warum es nicht rausging aus diesem Hasengefängnis.

„Iggy“ in seinem Gehege, das natürlich auch ein Gefängnis für ihn war.

Aber „Iggy“ hatte eine kahle Stelle mitten am Nacken, vielleicht so groß wie zwei Daumennägel, und so konnte ich ihn nicht einfach rauslassen. Die Igelstation bestätigte: Ja, ruhig noch drin lassen und Medikamente geben. Es könnte ein Pilz sein. Aber schließlich erwies sich die kahle Stelle als Narbengewebe aus seinen alten Verletzungen. Stacheln würden höchstwahrscheinlich nicht nachwachsen.

Der Igel überlebt so – oder gar nicht“, hieß es von der Igelauffangstation, und so setzte ich den Igel Mitte April in meinem Garten aus, neben dem Schlafhäuschen, in dem er seinen Winterschlaf gemacht hat, und seinen vertrauten Fress- und Trinknäpfen.

Ich sprach mit dem Wildtier, das mir ans Herz gewachsen war, und beschwor es, auf jeden Fall in meinem Garten zu bleiben. Mein Garten ist groß, hat viele stark bewachsene, verwilderte Stellen und er ist hier auf jeden Fall sicher. Bis jetzt ist „Iggy“ noch da. Jeden Abend bringe ich ihm Katzen-Trockenfutter und Wasser raus, und hin und wieder begegnen wir uns. Jedes Mal, wenn ich ihn sehe, freue ich mich. Aber auch der leere Napf jeden Morgen ist für mich ein Grund zur Freude. Es scheint „Iggy“ richtig gut zu gehen. Ich weiß nicht, ob die anderen Gartenigel auch noch da sind, aber sie sind mir alle willkommen.


Das Leid der Igel: Verstümmelt, überfahren, vergiftet, verhungert, verbrannt, ertrunken


Laut der deutschen Wildtierstiftung sterben jedes Jahr etwa 500 000 Igel auf der Straße. Straßen machen ihnen das Leben schwer, denn sie zerschneiden ihren Lebensraum, und einem Igel auf Futtersuche bleibt oft nichts anderes übrig, als den lebensgefährlichen Lauf über die Straße. Igel sind nicht winzig und laufen flott – aber viele Menschen sehen sie entweder trotzdem nicht, oder fahren gnadenlos drüber. Ich weiß es nicht.

Freiflächen, wo Igel genügend Futter und Versteckmöglichkeiten finden, werden immer weniger – entweder wir betreiben Landwirtschaft, oder wir bauen Gebäude drauf. Gärten sind oft so eng umzäunt, dass keine Igel reinkönnen, oder es ist Insektengift darin ausgestreut, was einen Igel auch krank machen oder töten kann. Auch Mähroboter werden Igeln zum Verhängnis, und zwar oft auch leider ganz quälend und unsichtbar, da die schwer verletzten Igel sich in Verstecke zurückziehen und dort leise und ungesehen sterben.

Viele Igel verhungern auch einfach oder erwachen nicht mehr aus dem Winterschlaf, weil sie nicht mehr genug Insekten finden, um satt zu werden und auf ein ausreichendes Winterschlafgewicht zu kommen. Die Igelstationen, denen ich auf Social Media folge, sind voll von Jungtieren, die zu klein sind, um den Winterschlaf zu überleben, oder von abgemagerten, von Maden befallenen Tieren, die einfach nur nichts zu fressen finden. Immer wieder sehe ich auch Bilder von Igeln, die in engen Maschendraht- oder Stabmattenzäunen stecken bleiben, weil sie im nächsten Garten nach Futter und Wasser suchen wollen, aber nicht durchkommen. Da ihre Stacheln wie Widerhaken funktionieren, kommen die Igel zwar zur Hälfte durch, aber dann gibt es kein Vorwärts mehr, und auch kein Rückwärts. Man darf in solchen Fällen übrigens sogar die Feuerwehr rufen, wenn der Igel so sehr eingeklemmt ist, dass man es nicht schafft, ihn selbst zu befreien.

Außerdem können Igel in Gartenteichen und Pools ertrinken, die Kellertreppe oder Fensterschächte runterfallen und dort elendiglich eingehen, wenn niemand sie rausholt, in rausgestellten Mülltüten ersticken, in Osterfeuern verbrennen, wenn man den Holzhaufen nicht vorher umschichtet, oder bei Frühjahrsarbeiten durch Gartengeräte getötet werden, während sie hilflos ihren Winterschlaf halten.

Ich erwische mich schon dabei, wie ich bei all dieser Aufzählung verzweifle. Wie ich schon sagte: Die stillen, unsichtbaren Opfer der menschlichen Zivilisation! Da denke ich gleich wieder an „Iggy“: Bitte, bleib einfach in meinem Garten, ok?

Bis jetzt streift Iggy jede Nacht durch unseren Garten – zum Glück, denn hier dürfte er sicher sein. Fotografiert werden mag er freilich nicht so gern :-).


Die Erde gehört nicht nur den Menschen: Wir müssen Respekt haben vor Wildtieren, und Platz für sie lassen


„So viel Aufwand, nur wegen eines Igels“, hat meine Mama irgendwann gesagt, als sie mitbekommen hatte, wie wir wiederholt zur Igelstation gefahren sind. Und mein Papa: „Das hier sind Städte, hier sind wir Menschen zuhause. Wildtiere gehören in den Wald.“

Aber auch die Wälder haben wir Menschen stark verändert, sie unserer Nutzbarkeit angepasst, was viele Wälder monoton und aufgeräumt und somit als Lebensraum für manche Wildtiere ungeeignet macht, zum Beispiel auch für Igel. Igel brauchen kleinteilige Strukturen wie Büsche, Hecken und Gehölze, was sie viel eher in Parks, Friedhöfen und eben privaten Gärten finden als in Wäldern oder gar auf großen, landwirtschaftlich genutzten Ackerflächen außerhalb von Städten – was ja die meisten Flächen sind, wenn wir ehrlich sind.

Mein Vater ließ sich davon überzeugen und machte wie erwähnt einen Igeldurchgang in seinen Gartenzaun – mit einem Augenzwinkern, ein bisschen bescheuert findet er mich trotzdem dafür, dass ich mir so viele Gedanken um irgendwelche wilden Kleintiere mache.

„Du bist nicht von dieser Welt“, sagt er manchmal. Und das ist irgendwie frustrierend, ein Freak zu sein – nur weil man ein bisschen Platz macht für Lebewesen, die auch leben wollen, so wie jeder von uns Menschen auch.

Es ist überhaupt nicht aufwendig, ein bisschen Rücksicht auf Wildtiere wie Igel zu nehmen.

  • Ein bisschen weniger aufräumen, vor allem im Frühjahr in dichten Hecken und Büschen.
  • Keine Gifte im Garten verteilen.
  • Nicht das Grundstück hermetisch abriegeln, dass keiner mehr rein oder raus kommt, sondern kleine Durchgänge lassen. Löcher im Zaun oder genug Abstand zwischen Boden und Zaun.
  • Regelmäßig Kellertreppen und Schächte prüfen und/oder eine Aufstiegshilfe basteln.
  • Vorsichtig fahren und bremsen, wenn ein Igel über die Straße geht. Wer es besonders gut meint, steigt aus und setzt das Tier in Laufrichtung auf der anderen Straßenseite ab.
  • Den Mähroboter aus lassen, wenn es draußen dunkel ist.
  • Den Gartenteich umzäunen oder eine Ausstiegshilfe reinlegen.
  • Den Pool abdecken.
  • Wasserschalen hinstellen, vor allem in trockenen Phasen.
  • lange liegende Holzhaufen nicht einfach anzünden.

Das reicht erst einmal schon. Und wer Lust und Zeit hat und auch bereit ist, ein paar Euro auszugeben, kann zufüttern. Und schon kann ein privater Garten zu einem sicheren und gemütlichen Igelzuhause werden. Und ich schwöre: So einem Stacheltierchen immer wieder zu begegnen, macht glücklich!

Weiterführende Informationen:

Informationen über Igel bei der Deutschen Wildtier Stiftung

Der Igel: NABU Tier des Jahren 2024

Pro Igel e.V.

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