Ich mag eigentlich keine Kriminalromane oder Kriminalfilme. Erstens, weil ich es nicht vertrage, mir Ermordungen und sonstige Grausamkeiten bildlich vorzustellen (oder gar anzuschauen), und zweitens, weil ich es nicht mag, dass das Opfer in Kriminalromanen (oder auch -serien), also der ermordete Mensch, meist herüber kommt wie ein Objekt ohne Lebensgeschichte und Leidensweg.

Trotzdem habe ich den ganz offensichtlich als „Kriminalroman“ gekennzeichneten Roman „Im Schatten des Waldes“ von Sonja Silberhorn gelesen. Warum? Und warum gefällt er mir, bei aller inneren Ablehnung, die ich sonst dem Genre gegenüber hab, ausgesprochen gut? Weil es auch Ausnahmen gibt. Ich liebe zum Beispiel den Krimi „Es geschah am hellichten Tag“ aus dem Jahr 1958. Und vor allem, weil „Im Schatten des Waldes“ viel mehr ist als nur ein Kriminalroman!

Der Sonnenhof damals und heute

„Im Schatten des Waldes“ ist ein bayerischer Regionalroman, der rund um Regensburg spielt – das ist sympathisch, wenn man selbst in Bayern wohnt. Es macht alles näher und greifbarer. Die Handlung spielt sich in zwei verschiedenen Zeitsträngen ab, die auf extrem geschickte und angenehme Weise miteinander verknüpft sind. Die Haupthandlung geschieht im Frühsommer 2022 mitten während der Corona-Pandemie. Durch einen alten Mann, der das Tagebuch seiner Mutter liest, wird diese Handlung mit einer längst vergangenen Geschichte aus den Jahren 1933 – 1951 verknüpft. Beide Handlungen spielen in demselben Dorf und auf demselben Hof, dem Sonnenhof. Und der alte Mann ist das Bindeglied. Er wird im Handlungsstrang der Vergangenheit geboren, während sich im Handlungsstrang der Gegenwart sein Leben allmählich dem Ende zuneigt. Das ist richtig charmant gemacht.

In der Gegenwart wurden auf dem Sonnenhof menschliche Knochen gefunden und im Dorf eine Person ermordet. In der Vergangenheit lebt eine der NS-Ideologie kritisch gegenüberstehende Familie zurückgezogen auf besagtem Sonnenhof und versucht in den schwierigen Zeiten ihr Leben zu leben und ihre Menschlichkeit nicht zu verlieren.


Der Verlust der Menschlichkeit ist das zentrale Motiv dieses Romans


Klar sticht der Zeitraum, in dem dieser ferne, durch die alten Tagebücher zugänglich gemachte Handlungsstrang spielt, ganz deutlich heraus. Es ist die Nazi-Zeit, als man sich anzupassen hatte, ansonsten war man der Feind. Als ein menschliches Leben erschreckend wenig wert war. Als man den Menschen nicht nur allzu leichtfertig ihr Leben weggenommen hat, sondern auch die Freiheit, zu denken, tun und mögen was sie wollen. Und zu lieben, wen sie wollen. Und der alte Mann, der die Tagebücher seiner Mutter liest, zeigt uns ganz deutlich: So lange ist die Nazi-Zeit gar nicht her. Sie ist nur ein Menschenleben weit weg.

Aber auch der Zeitraum der Haupthandlung sticht heraus: Die Corona-Pandemie hat viel Schaden in unserer Gesellschaft angerichtet, viele Zerwürfnisse und Wunden hinterlassen.

Subtil und unaufdringlich, aber wirklich wirkungsvoll vergleicht die Autorin diese beiden Epochen miteinander. Nein, sie behauptet nicht, dass die Corona-Zeit genauso war wie der Nationalsozialismus. Aber mindestens eine grundlegende Gemeinsamkeit gab es doch: Den Verlust der Menschlichkeit in der Gesellschaft und des Respekts gegenüber andersdenkenden Mitmenschen.


Mutig und unerwartet: Die Kritiker der Corona-Politik sind die Sympathieträger der Geschichte


Diejenigen, die in Sonja Silberhorns Roman ihre Menschlichkeit verloren haben, sind diejenigen Charaktere, die strikt hinter der Coronapolitik der Regierung stehen. Sie haben kein Verständnis für Menschen, die eine andere Perspektive auf die Situation haben, schließen sie aus ihrer Familie und ihrer Dorfgemeinschaft aus, lassen sie nicht mehr in ihren Läden einkaufen und dämonisieren sie, bis sie ihnen schließlich sogar wie selbstverständlich Gewaltverbrechen unterstellen, ohne irgendwelche Beweise dafür zu haben. Sie sind die mit dem guten Ruf, die Einflussreichen, die stets eine weiße Weste behalten wollen. Lokalpolitiker. Journalisten. Ladeninhaber. Brave Bürger.

Manchmal musste ich bei einigen Zitaten, die Frau Silberhorn den treuen Corona-Politik-Anhängern in den Mund legt, ein wenig schmunzeln. Naja, dachte ich mir – das ist ja wohl ein wenig übertrieben, fast schon karikaturhaft. Aber dann habe ich überlegt und mir ist aufgefallen: Doch doch – in etwa so hab ich das tatsächlich während der Coronajahre im Privatleben gehört und ganz besonders von Maßnahmen-bejubelnden Journalisten gelesen! Ich meine Aussagen wie zum Beispiel

Das Klima macht keine Kompromisse, und bei Corona gab es die auch nicht. Es ging um Menschenleben! Außerdem kann man mit diesem Gesindel nicht diskutieren (…) Glauben Sie wirklich, dass es mit solchen Leuten gelingen kann, den CO2-Ausstoß zu verringern? Die brüllen dann wieder nach Freiheit und ihren Grundrechten, und der überlebenswichtige Kampf wird erneut verschoben. Solange, bis wir alle tot sind. Wenn sich Leute wie Sebastian abspalten, dann bin ich einfach nur froh darum. Wem es hier in Deutschland nicht passt, der soll sich am besten verpissen.“ (S. 279/280)

Das liest sich überspitzt, aber mal ehrlich: Wenn ich jetzt behaupten würde, Sarah Bosetti hätte das gesagt, wäre das doch äußerst plausibel. Tatsächlich kann man beim Lesen dieses Romans eigentlich gar nicht anders als sich zu erinnern, wie mit einer erschreckenden Aggressivität Menschen beleidigt, verurteilt und ausgegrenzt wurden, wenn sie Bedenken gegenüber dem von der Politik vorgegebenen und von den Medien propagierten Weg äußerten oder ihre Rechte wahrnahmen, zum Beispiel auf Demonstration (durch die Montagsspaziergänge, die ja zum Beispiel Sascha Lobo im Spiegel so krass verurteilt und als Aufmarsch von Gewaltätigen, Hassenden und Antisemiten verleumdet hat) oder auf körperliche Unversehrtheit durch Ablehnung der Impfung, was dann zum Beispiel von dem Arzt Frank Ulrich Montgomery als „Tyrannei der Ungeimpften“ verunglimpft worden ist.

Ich werde auch nie vergessen wie der Pressesprecher des Bürgermeisters der Stadt, in der ich damals gewohnt hab, öffentlich auf Facebook verkündete, die Ungeimpften seien ganz alleine Schuld daran, dass der Weihnachtsmarkt nicht stattfinden könne. Der Weihnachtsmarkt finde deshalb nicht statt, weil sich einige Bürger weigerten, sich einen „harmlosen Piecks in den Arm“ geben zu lassen, wofür er wirklich gar kein Verständnis hätte. Bei denen solle man sich für das ganze Elend des nicht stattfindenden Weihnachtsmarkts bedanken. Ich – die die meiste Zeit zwischen den Fronten war, einige Maßnahmen schon irgendwie vernünftig fand, aber die Gegenargumente auch verstehen konnte. Die sich etwas widerwillig hatte impfen lassen und schon längst mit Nebenwirkungen zu kämpfen hatte – konnte nicht fassen, wie jemand in dieser Position derart die Bewohner einer kleinen Stadt spalten konnte. Und haltlos und ohne eigenes medizinisches Hintergrundwissen mit einer derartigen Überzeugung behaupten konnte, die Impfung sei nur ein harmloser Piecks.

Naja, aber zurück zum Buch von Sonja Silberhorn. Ihre Hauptperson, die Polizistin Lene Wagenbach, ist übrigens auch zwischen den Fronten und hält sich zuverlässig an die Maßnahmen, hinterfragt sie auch nicht, aber zeigt auch Verständnis für die Coronaskeptiker, die sie im Laufe ihrer Ermittlung kennenlernt.

Die Sympathieträger der Geschichte sind die Leute, die sich auf den Sonnenhof zurückgezogen haben, weil sie nicht hinter den Corona-Maßnahmen stehen und sich in der Gesellschaft nicht mehr zurecht finden. Teilweise haben diese Leute alles verloren. Sonja Silberhorn lässt ihre Ermittlerin all diese Leute vernehmen, und sie alle dürfen ihre Geschichte erzählen. Eine Physiotherapeutin hat ihre Praxis und ihren Sohn verloren, denn der ist kurz nach der Impfung verstorben. Eine Ärztin hat Angststörungen entwickelt, nachdem sie offen kritisch gegenüber der Impfung war und aus ihrer Praxis gemobbt worden ist. Ein Mann ist, weil er maßnahmenkritisch war, von seiner Familie verstoßen worden. Alles bewegende Geschichten, die überhaupt nicht unrealistisch klingen, wenn man die Corona-Jahre noch einmal Revue passieren lässt. Besonders schön finde ich, dass Frau Silberhorn mithilfe einer scheinbar unwichtigen Nebenfigur, die nicht einmal einen Namen hat, dafür aber ein Baby, auch die Bedingungen kritisiert, denen gebärende Frauen während der Coronamaßnahmen ausgesetzt waren: Maske auflassen, auch während der Wehen, Männer und Geschwisterkinder durften nicht ins Krankenhaus zu Besuch kommen. Auch das Leid der Kinder kommt im Buch nicht zu kurz.

Sonja Silberhorn verherrlicht diese Menschen nicht, sie präsentiert sie auch als hasserfüllt und wütend und eine Figur glaubt auch an die berühmte Verschwörungstheorie vom „Great Reset“, wobei diese Figur trotzdem – meiner Meinung nach zurecht – nicht als Spinner dargestellt wird, sondern als jemand, dessen Gedanken etwas verwirrend sind. Aber alles in allem sind sie sympathisch und Sonja Silberhorn möchte, glaube ich, vor allem eins: Verständnis für sie und ihre Haltung erwecken.


Warum die Nazi-Anhänger von früher und die Maßnahmen-Befürworter von heute in dem Buch „Im Schatten des Waldes“ sich so gut miteinander vergleichen lassen


Sonja Silberhorn hat diese zwei Handlungsstrände – Nazi-Regime und Corona-Politik, und der Sonnenhof als Zentrum des stillen, unpolitischen und gewaltfreien Widerstands – ganz bewusst gewählt. Meiner Meinung nach um zu zeigen, wie schnell eine Gesellschaft ins Totalitäre abdriften kann, wie schnell man Menschen gegen andere Menschen aufhetzen kann, selbst wenn sie sonst nie ein Problem miteinander gehabt haben, selbst wenn sie zur selben Familie gehören. Und wie schnell Menschen, die davon überzeugt sind, auf der guten und richtigen Seite zu stehen, gar nicht mehr bemerken, dass sie anderen Menschen Böses antun.

Die, die damals im Einklang mit dem Nazi-Regime gelebt haben, heißen die Hinrichtung polnischer Kriegsgefangener gut, wenn sie sich in deutsche Frauen verlieben – sie seien ja triebhaft und man müsse strenge Exempel setzen. Die, die keine andere Sichtweise zulassen wollen als dass die Corona-Politik mitsamt Impfdruck zu 100 % richtig ist, haben kein Problem damit, Menschen aus der Gesellschaft auszuschließen, öffentlich Misstrauen gegen sie zu säen und sie sogar ohne Anhaltspunkte eines Mordes zu beschuldigen.


„Im Schatten des Waldes“ ist fast ein Stück Zeitgeschichte


Wir haben heute keine Hinrichtungen und keine KZs. Es ist wichtig, das stets wertzuschätzen – und dafür zu sorgen, dass das auch für immer so bleibt. Aber die totalitären Strukturen, die damals in der Nazi-Zeit entstanden sind, die sind auch nicht wegzureden, wenn es um die Corona-Jahre geht. Und Sonja Silberhorn hat das auf eindrucksvolle und auch zugleich unterhaltsame und kurzweilige Weise aufgezeigt. Es echt tolles Buch, das ich gar nicht mehr weglegen wollte!

Es ist viel mehr als ein Kriminalroman, weil es die Corona-Jahre und das, was währenddessen mit der Gesellschaft los war, auf kritische, aber unaufdringliche Weise, ohne aggressive Vorwürfe oder Schuldzuweisungen, festgehalten hat. So endet der Roman, nachdem die Zerwürfnisse in beiden Handlungssträngen groß und schmerzlich sind, mit der fast versöhnlichen Aussage: „Die Menschen sind eben so.“ (S. 396)

Ich, die die Corona-Jahre bewusst miterlebt hat, kann guten Gewissens sagen: Ja, das Buch spiegelt die Zeit echt gut wider. Da ist echt nichts übertrieben, selbst wenn manches grotesk wirkt. Meine Töchter zum Beispiel, die zu Beginn der Coronapandemie drei Jahre alt waren, erinnern sich natürlich nicht daran. Ihnen kann ich das Buch in die Hand drücken, wenn sie erwachsen sind: „Hier, lest mal. Genau so war das während Corona!“. Das finde ich schon wertvoll, dass es so einen Roman gibt.

Und die Opfer in dem Buch? Waren sie Objekte ohne Lebensgeschichte und Leidensweg? Nein, auch nicht so richtig. Sie waren sowohl lebend, als auch tot stimmig in das Buch eingeflochten. Und die Szenen rund um die Ermordnungen waren auch für Weicheier wie mich ganz gut zu verkraften.


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