Beitragsbild: Daniel Küblböck Schrebergarten-Tour Berlin Tempodrom 2011
Autor: Wikimops, Lizenz: CC BY-SA 3.0
Warum Daniel Küblböck für mich keine Trans-Frau ist, sondern immer Daniel bleiben wird
Im Jahr 2018 starb der Sänger und Fernsehstar Daniel Küblböck. 2025 widmete der öffentlich-rechtliche Rundfunk ihm eine dreiteilige ARD-Doku. Sie soll ihm ein Denkmal setzen, und ich finde sie im Prinzip auch gut gemacht, aber sie hinterlässt bei mir ein unangenehmes Gefühl. Nicht aufgrund des tragischen Schicksals von Daniel Küblböck, das natürlich sowieso betroffen macht. Sondern weil es sich so anfühlt, als wolle die Doku mir nicht nur eine wahre Geschichte erzählen – eben die „Küblböck-Story“, wie die Doku auch heißt – sondern als wolle sie mir auch vorschreiben, wie ich diese Geschichte zu interpretieren habe. Diese Dokuserie hat mich zu diesem mal wieder etwas längeren Text inspirert. Er ist eine Kombination aus Medienkritik, Hommage an einen zu jung verstorbenen und unterschätzten Künstler und persönlicher Meinungsäußerung zu dem heutzutage heiklen Thema „Transidentität“.
Der charismatischste Mensch im deutschen Fernsehen
Ich bin ein Kind der 1990er und frühen 2000er und für mich persönlich ist Daniel Küblböck der charmanteste, charismatischste, süßeste, coolste und einzigartigste Mensch, den ich je im deutschen Fernsehen gesehen habe. Keine andere deutsche Fernseh-Persönlichkeit hat mich jemals so fasziniert wie er. Vielleicht weil er – ganz unbedarft und unmanipuliert – die Fernsehlandschaft als Privatperson betreten hat. Ohne dass sich vorher irgendwelche Medienprofis Gedanken um Image und Profit gemacht haben. Später dann schon. Da haben sie es (meines Eindrucks nach) bisweilen auch geschafft, ihn ein bisschen zu verbiegen. Aber erst einmal hat er einfach alle überrumpelt mit seinem unvergleichlichen „Daniel-Sein“ – und mein kleines Herzchen im Sturm erobert.
Kurz nach der ersten Staffel von „Deutschland sucht den Superstar“, die ich begeistert und voller Hingabe mitsamt allen Extra-Sendungen und Medienberichterstattungen verfolgt habe, wurde ich zum Teenager und durchlebte einen radikalen Bruch mit allem, was mir als Kind wichtig war. Ganz generell mit Popmusik und mit der gesamten Fernsehlandschaft, auch mit Daniel Küblböck. Die nächsten zehn bis 15 Jahre war meine kulturelle Identitätsentwicklung geprägt von Punk Rock, Heavy Metal und der Gothic Szene.
Erst mit Mitte 20 begann ich mein Herz wieder für die Tatsache zu öffnen, dass ich auch schon Idole hatte und Musik geliebt habe, bevor mein Leben „schwarz“ wurde. Holte die lange in dunklen Schubladen versteckten Pop-CDs, darunter auch die „DSDS“-CD „United“ wieder hervor und sortierte sie in meinen CD-Schrank ein. Eine erfrischende Mischung ergab das dann, die mich und meinen Werdegang als Musik-Fan perfekt repräsentierte.
Ausgerechnet in seinem Todesjahr 2018 ist mir Daniel Küblböck besonders häufig in den Sinn gekommen. Ich habe auf YouTube nach ihm gesucht und seinen Spruch zitiert: „Der Wald wäre sehr leise, wenn nur die begabtesten Vögel singen würden“. Ich habe diesen Ausspruch zu meiner liebsten musikalischen Weisheit ernannt. Immer wieder hab ich an Daniel gedacht, auch wenn ich mich natürlich immer noch am allermeisten als Goth fühlte und nicht vor hatte, mich allzu sehr mit ihm und seiner Musik auseinanderzusetzen. Ich wusste, dass er Jazz und Blues und solche Sachen singt. Fand es toll, dass er das macht, aber es war halt nicht meine Welt.
Als ich am 09. September 2018 hörte, dass Daniel in den Tod gesprungen ist, war ich fassungslos und zutiefst traurig. Es sind schon vor ihm coole Leute verstorben, teils auch viel zu jung. Inspirierende und faszinierende Künstler, deren Tod einen mitnimmt, selbst wenn man die Menschen nie persönlich kennengelernt hat. Aber so wie bei ihm hatte ich das zuvor und bislang auch danach noch nie erlebt. Ich war so unendlich traurig, dass ich mich selbst nicht mehr verstanden habe. Vielleicht war es die Kombination aus dem Gedanken, dass ausgerechnet dieser zarten, wunderschönen Person etwas derart Grausames und Dramatisches passiert war und der Erinnerung an die „positive Energie“, die er in meinem 12jährigen Ich freigesetzt hatte.
Sein ganzes Potenzial entfaltete Daniel Küblböck erst, als er nicht mehr im Rampenlicht stand
Es ließ mich nicht los und ich wollte verstehen, wie das passieren konnte. Ich hab mich auf die Suche nach Antworten gemacht. Plötzlich habe ich mich doch intensiv mit Daniel und allem, was er in den Jahren zwischen Medienrummel und Tod so gemacht hatte, auseinandergesetzt.
Daniel hatte sich schnell gelöst von den Menschen, die ihn vom außergewöhnlichen Jungen mit starker Bühnenpräsenz zur Medienfigur mit klar definiertem Paradiesvogel-Image geformt und vermarktet hatten. Er wollte die Erwartungen, die sie an seine Musik und sein ganzes Auftreten hatten, nicht mehr erfüllen müssen. Er ging seinen eigenen Weg. Mit weniger kommerziellem Erfolg, abseits des Rampenlichts, aber stets unterstützt von einem treuen Publikum.
Daniel hat viel ausprobiert. Er hatte nicht nur Jazz- und Blues-Musik gespielt, sondern auch Country-Songs gesungen, sowie auch deutschsprachige Chansons, fesche Popsongs, Lieder auf Spanisch und Disco-Songs. Dazu präsentierte er sich als Unternehmer, Tänzer, Kolumnist und schließlich dann, kurz vor seinem Tod, als Schauspieler. Charismatisch wie eh und je trat der knapp 31-jährige Daniel zum Beispiel 2016 in der Doku-Soap „Verrückt nach Fluss“ vom Bayerischen Rundfunk auf.
Eines der interessantesten seiner Projekte war meiner Meinung nach seine Talkshow „Küblböcks Talk Night“. Er im intensiven Dialog mit einer anderen Person, die etwas Interessantes zu erzählen hat, und dazwischen Show-Elemente. Seit einigen Jahren sind Interview-Formate (nur eben ohne Showeinlagen und ohne Studiopublikum, wie er es hatte) ganz besonders beliebt auf YouTube: Hotel Matze, Jung und Naiv, Ben Ungeskriptet, Jasmin Kosubek – um nur einige zu nennen. Daniel könnte heute mit so einer YouTube-Interview-Sendung mit seinem Charme und seiner authentischen Neugier richtig erfolgreich sein, glaube ich. Ich würde ihn safe abonnieren. Er hat damals sogar Mut und Offenheit bewiesen, indem er Eva Herman einlud: Jene Ex-Tagesschau-Moderatorin, die bei Johannes B. Kerner im Jahr 2007 live aus der Sendung verbannt und medial total zerstört worden ist. Daniel war der Erste, der danach öffentlich mit ihr sprach: Über die Wichtigkeit einer starken Mutter-Kind-Bindung. Und das in einer Zeit, wo die politische und damit auch mediale Propaganda besonders laut forderte: Ab in die Krippe mit den Kleinen, am besten so früh und so lang wie möglich. Eva Herman würdigte Daniel nach seinem Tod in einem Artikel auf ihrer Webseite:
„Daniel Küblböck hatte sich minutiös in das Thema unseres Interviews hineingearbeitet. Er las mehrere meiner Bücher, hatte zahlreiche Fachlektüren internationaler Bindungsforscher durchgearbeitet. Er war hundert Mal besser vorbereitet als so mancher »Qualitätsjournalist« es in den öffentlich-rechtlichen Talkshows zu sein pflegt.“ – Eva Herman am 12.09.2018 auf ihrer Webseite.
Schade, dass er die Talk Night so schnell eingestellt hat, aber in einer anderen Show war er noch einige Jahre länger Interviewer im regionalen Rahmen. Manchmal war ich mir nicht sicher, ob Daniel ständig auf der Suche nach seiner künstlerischen Identität war, oder ob diese immense Vielfalt an musikalischen Stilrichtungen und Kunstformen – mit denen er sich auch optisch ständig neu erfand – bereits an sich seine künstlerische Identität war.
Ich habe mich, während ich den Held meiner Kindheit posthum noch einmal neu entdeckt habe, manchmal gefragt: Wie war der Mensch hinter diesen öffentlichen Auftritten, war er gefestigt und mit sich selbst im Einklang? Oder war er innerlich verzweifelt auf der Suche nach sich selbst und nach Anerkennung? Hat ihm sein Leben gefallen, so abseits der großen Musikindustrie, die ihn bekannt gemacht, ihm aber auch Ketten angelegt hat? War er zufrieden mit seinem kleineren Publikum, oder hat er stets davon geträumt, es nochmal ganz alleine und mit seinen eigenen Projekten ganz nach oben zu schaffen? Oder war es von allem ein bisschen?
Das sind alles Fragen, die kaum jemand beantworten kann. Erstrecht nicht eine komplett außenstehende Person wie ich. Aber eins kann ich sagen: Daniel Küblböck war wirklich verdammt talentiert. Er war klug und kreativ, hatte eine fantastische Bühnenpräsenz und konnte auf eine ganz außergewöhnlich berührende Weise singen. Ich fand das Gerede davon, er könne nicht singen, schon immer blöd. Von Anfang an konnte Daniel gut singen. Die Klangfarbe seiner Stimme hätte man unangenehm finden können, ok. Aber Daniel hatte ein tolles Gefühl für Melodien, ganz ohne Ausbildung, von Natur aus. Er hat anfangs nicht alle Töne getroffen, ja. Aber das Treffen der Töne wurde auch immer besser, je mehr das Singen zu seinem Lebensinhalt wurde.
„Die Küblböck-Story: Eure Lana Kaiser“: Für die ARD ist Daniel zu Lana geworden – aber tun sie seinem Andenken damit einen Gefallen?
Nun zu meiner Medienkritk. Die ARD hat eine dreiteilige Dokumentation namens „Die Küblböck-Story – Eure Lana Kaiser„ über Daniel gemacht und sie anlässlich seines 40. Geburtstags im August 2025 veröffentlicht. Prinzipiell ist es eine liebevolle und tolle Idee, Daniel eine Doku zu widmen, und im Prinzip ist sie gut. Die Produzenten arbeiten mit meist gut gewählten Fernsehausschnitten und auch privaten Aufnahmen aus Daniels Leben und präsentieren teils sehr interessante Interviewpartner. Man sieht, dass die Menschen hinter der Doku es gut meinen mit Daniel Küblböck, und ich war auch in gewisser Weise positiv berührt. Daniels jahrelanges vielseitiges künstlerisches Schaffen abseits des Rampenlichts – das, was für die meisten Zuschauer tatsächlich neu und überraschend hätte sein können – wird zwar leider nur angerissen, aber ok. Was mich aber noch mehr stört: Daniel wird als Trans-Frau geframed. Ohne Zweifel, ohne Interpretationsspielraum. Ohne all die verstörenden Umstände seines vermeintlichen Outings zu berücksichtigen.
Die Doku lässt einen die DSDS-Zeit und den Hype um Daniel 2003 und 2004 Revue passieren, und damit auch die ganze deutsche TV-Epoche der frühen 2000er (Folge 1 und 2) – und das ist ja auch ok, es war eine interessante Zeit irgendwo zwischen konservativen Gepflogenheiten und Rollenbildern und einer Stimmung von Rebellion und Bruch mit diesen alten Konventionen, in welcher Daniel als Idol und Galionsfigur wie gerufen kam. Aber dann suggeriert die Doku subtil: Danach hat Daniel versucht, jemand zu sein, der er nicht ist (Folge 2 letztes Drittel) und hat sich schließlich als Trans-Frau geoutet. Die Trans-Identität wird von der ARD ganz selbstverständlich dargestellt wie ein zweifelsfreier und keine Fragen offenlassender Fakt. Und wirkt auf mich aber erzwungen, weil das Narrativ von Daniels Befreiungsschlag aus seiner männlichen Identität, sodass die Nachwelt ihn als Frau zu lesen hat, nicht richtig zu den Aussagen der Interviewpartner passen mag, die in seinen letzten Lebenswochen Kontakt zu ihm hatten.
Die Doku hat keinen richtigen Sprecher, der den Zuschauer durch die Sendung führt, sondern ist – was gut gelungen ist – zusammengesetzt aus Interviews und Ausschnitten alter Fernsehbeiträge. Alles wirkt fließend, die haben das handwerklich richtig gut gemacht. Aber haben damit geschickt vermieden, selbst über Daniel zu sprechen. Sein Name fällt ständig – aber nur aus dem Mund vieler Interviewpartner, wie Daniels Vater, zwei seiner Ex-Partner, einer Freundin aus Berlin, Gracia aus DSDS oder Oliva Jones. Die Produzenten hingegen blenden vor Beginn ihrer Doku einen Text ein, der auf ein scheinbares Dilemma eingeht: „Diese Serie handelt von einer Person, die sich kurz vor ihrem Ableben als trans sichtbar machte. Da viele Gesprächspartner*innen sie nur aus der Zeit davor kennen, werden in dieser Serie unterschiedliche Namen und Pronomen verwendet.“
Das liest sich für mich wie eine Umschreibung von: „Wir wollten ja gerne den Deadname vermeiden und nur noch von „ihr“ sprechen – aber dieInterviewpartner haben das einfach nicht mitgemacht“.
Die „Teenagerin aus Bayern“, die es nie gab: Auch Trans-Personen haben eine Vergangenheit – und leugnen diese häufig gar nicht
In den offiziellen schriftlichen Beschreibungen zur Doku auf YouTube und in der Mediathek wird der Name „Küblböck“ im Doku-Namen erwähnt– sonst wüsste ja auch kein Mensch, um wen es hier eigentlich geht – aber der Vorname „Daniel“ wird strikt vermieden. Daniel ist in diesen Texten nur noch „Lana Kaiser“.

Letztendlich ist sogar von der „Teenagerin aus Niederbayern“ die Rede, und genau sowas meine ich, wenn ich schreibe: Bitte nicht die „Küblböck-Story“ umerzählen. Ok. Daniel wollte in den letzten Wochen seines Lebens eine Frau sein und trug Frauenkleidung. Das sollte man respektieren und es gibt keinen Grund, dieses letzte Kapitel seines Lebens zu leugnen. Ob ihn das gleich zur Trans-Frau macht, darüber lässt sich vielleicht streiten. Aber die besagte „Teenagerin aus Bayern“ gab es nicht. Daniel war, als er als Teenager bekannt wurde, ein Junge. Und zwar ein ganz außergewöhnlicher Junge, der gerade wegen seiner Art, die jede Erwartung, die die Gesellschaft an sein Geschlecht hatte, sprengte, so einen Hype auslöste. Ihn von Anfang an als Mädchen darzustellen, verfälscht seine Lebensgeschichte.
Wenn Einzelpersonen sich entscheiden, Daniel nicht mehr Daniel zu nennen, weil sie es persönlich für richtig halten, sollen sie das gerne machen. In der besagten ARD-Doku tun das der TV-Star Riccardo Simonetti, die No Angels Sängerin Lucy Diakovska und der Künstler Philipp Gufler, der als Teenager selbst ein großer Daniel-Fan war. Man sieht auf den ersten Blick, dass sich diese Personen als „queer“ identifizieren und es ist bekannt, dass es in der queeren Community weitgehend Konsens ist, dass der richtige Umgang mit Geschichten wie der von Daniel ist, das Transsein nicht zu hinterfragen, sondern sich voll und ganz dahinter zu stellen. Das dürfen die Queers gerne so handhaben, wenn sie das für richtig halten. Man sieht, dass sie es gut meinen und Daniel Respekt zollen wollen. Ich würde überhaupt kein Problem darin sehen, wenn die ARD-Doku diese Perspektive einfach nur präsentiert hätte, so wie: „Hier, diese Leute halten es für richtig, von Daniel als Frau zu sprechen. Das tun sie aus diesen und jenen Gründen„. Aber diese Sicht auf die Dinge ist definitiv ideologisch geprägt und keineswegs unstreitbar. Diese Perspektive einfach zu übernehmen und der breiten Öffentlichkeit als Fakt zu servieren, finde ich vom ÖRR nicht nur unprofessionell, sondern auch dem Zuschauer, noch mehr aber Daniel und seinem Andenken, gegenüber unfair.
Viele Trans-Personen, die die Geschlechtsumwandlung sogar auch operativ vorgenommen haben, verleugnen trotzdem nicht ihre Vergangenheit. Selbst die von mir sehr wertgeschätzte Trans-Frau Chelsea Manning, die einst als Bradley Manning in die Weltgeschichte eingegangen ist und ihren „Deadname“ tunlichst vermeidet, schreibt in ihrer Autobiographie „readme.txt: Meine Geschichte“ über sich selbst als Junge und Mann, bis sie sich als Frau geoutet hat. Sie schreibt nie, sie sei ein kleines Mädchen oder eine Teenagerin gewesen. Oder nehmen wir die bereits älteren, in der Öffentlichkeit stehenden Trans-Frauen Valerie Wilms und Kerstin Schuster, die beide seit Jahrzehnten in ihrem Wunschgeschlecht leben. Beide stehen dazu, als Mann geboren zu sein und gelebt zu haben. Wilms’ 2025 erschienenes Buch heißt „Meine zwei Leben: Als Junge geboren – als Frau im Bundestag“ und Schuster betonte im Interview mit Jasmin Kosubek ganz klar, dass „Stefan“ (wie sie früher hieß) ein wichtiger Teil von ihr ist. Ich möchte sie sogar wörtlich zitieren, weil ihre Aussagen so konträr dem gegenüberstehen, was der öffentlich-rechtliche Rundfunk nun mit Daniel Küblböck macht:
„Stefan ist Teil meines Lebens. Ich wäre ja verrückt, wenn ich meine Vergangenheit, als Mann gelebt zu haben, verleugnen würde. Ich verleugne mich doch nicht selbst!“
Diese Aussage sieht man bereits im Intro zum Interview. Dieses Annehmen der eigenen Vergangenheit, das offen kommunizierte Bewusstsein dafür, dass man eben mit einem anderen Geschlecht geboren wurde und lange so gelebt hat, ist meines Gefühls nach der gesündere Umgang mit dem Thema Transidentität und wirkt für mich wie ein Hinweis darauf, dass jemand mit sich selbst wahrscheinlich weitgehend im Reinen ist. Und das ist für mich das Tragische beim Umgang des ÖRR mit Daniel Küblböck. Niemand kann sagen, ob Daniel sich am Ende wirklich einer Geschlechtsumwandlung unterzogen hätte. „Lana“ war nur wenige Wochen alt. Aber selbst wenn, hätte er vielleicht auch die 33 Daniel-Jahre als Teil seines Lebens anerkennen wollen. Ich empfinde es als ungerecht, wenn diese ihm posthum voreilig weggenommen werden, indem man zum Beispiel die Geschichte von einer „Teenagerin“ erzählt, die er nie war.
Irgendwie wird auf diese Weise ein vielseitiger, einzigartiger, liebenswerter Lebenskünstler, der in keine Schublade gepasst hat und so viel Inspirierendes hinterlassen hat, durch eine surreal, abstrakt und tragisch wirkende Trans-Frau ersetzt, die außer der Familie, einigen wenigen Freunden und den Menschen auf dem Schiff niemals jemand kennengelernt hat. Von der nur ein paar Fotos mit schmerzlich traurigem Blick geblieben sind, der wirkt wie aus einer anderen Welt. Und ein – nicht mehr öffentlich einsehbarer, aber sich immer noch im Umlauf befindender – Brief an die Fans, der zwar tatsächlich eine Art Outing ist, sich aber meines Eindrucks nach überhaupt nicht selbstbewusst und wohlüberlegt liest, sondern überstürzt, ängstlich und gehetzt von Schmerz und der Hoffnung auf Linderung (in der ARD-Doku wird dieser Brief am Ende der letzten Folge vorgelesen).
Und was bei dieser sogenannten Toleranz gegenüber sexueller Selbstbestimmung, wie manche das nennen, immer total unter den Tisch fällt: „Lana Kaiser“ war eine Privatperson, dieser Namen fiel ausschließlich im privaten Rahmen. Daniel hat sich mit keinem Wort jemals an die Öffentlichkeit oder die Presse mit irgendeiner Art von Outing gewendet und gefordert, dass man seinen Namen in der öffentlichen Berichterstattung nicht mehr verwendet. Selbst der Brief an seinen Fanclub ist für mich immer noch eine nicht wirklich öffentliche Angelegenheit, sondern eine Mitteilung zunächst einmal ausschließlich an seine engsten Anhänger. Da stellt sich natürlich auch die Frage, mit welchem Recht es sich Journalisten rausnehmen, sich in diese Privatangelegenheit so weit einzumischen, dass sie leichtfertig den bekannten Namen einer öffentlichen Person auszuradieren versuchen.
Der Podimo-Podcast hat es besser hinbekommen
Aber eigentlich können das die Produzenten der ARD-Doku viel besser: Es gibt einen richtig guten Podcast über Daniel von Podimo, und an diesem haben Menschen mitgearbeitet, die auch an der ARD-Doku beteiligt waren. Die genaue Schnittmenge hab ich nicht recherchiert, aber mindestens eine Person war auf jeden Fall an beiden Veröffentlichungen beteiligt.
Der Podcast heißt „Ein Mensch verschwindet: Daniel Küblböck“. Er folgt auch einer gewissen queeren Ideologie, und der Sprecher betont auch am Anfang einer jeden Folge, dass man ja eigentlich über jemanden, der sich als trans geoutet hat, mit dem neuen Namen sprechen müsse. Dass das in dem Fall aber nicht geht, wenn man die Geschichte verständlich erzählen möchte. Inhaltlich ist er richtig gut gemacht. Die zehn Folgen à ca. einer Stunde sind fantastisch recherchiert, liebevoll und respektvoll vorgetragen und enthalten viele interessante Interviews. Hier erfährt der Zuhörer viel mehr über Daniels Erwachsenenleben – und auch über sein künstlerisches Wirken – nach seiner Popstar-Karriere. Sollte jemand ihn hören, der Daniel Küblböck nur als angeblich talentlosen RTL-Clown in Erinnerung hat, erfährt er hier jede Menge Neues.
Die Produzenten haben mit diesem Podcast eine starke Leistung abgeliefert – dann sollen sie halt auch ein bisschen was von der Ideologie untermischen, von der sie so überzeugt sind. Es nervt ein wenig, aber stört mich in dem Fall nicht so richtig, weil dieser Podcast nicht von einem öffentlich-rechtlichen Sender ist. Er darf ideologisch gefärbt sein, denn er ist nicht gebührenfinanziert und muss nicht neutral sein – und zugleich bleibt er ja auch trotzdem realistisch. Sie sprechen von Daniel als Frau, wenn es um die Schifffahrt geht, aber verleugnen und verstecken nicht die Identität, die er die 33 Jahre zuvor gehabt hat. Das ist ein Kompromiss, den man meiner Meinung nach schließen kann, und es ist eine gute Art, Daniel als Mensch und Künstler gerecht zu werden – mit allem, was dazugehört.
Wobei ich finde, dass all die Geschehnisse rund um das „Coming out“ von Daniel eigentlich so nebelhaft, uneindeutig und verstörend sind, dass ein echter und aufrichtiger, nachhaltiger Wunsch, eine Frau zu werden, zwar denkbar ist, aber keineswegs die einzige Art bleiben darf, das Geschehene zu deuten.
War „Lana Kaiser“ Daniels wahres Ich oder der Hilferuf einer Seele in Not?
Daniels Geschichte hat mich nie wieder losgelassen. Sie hat mich dazu inspiriert, mich viel mehr mit der ganzen Thematik rund um Transidentität auseinanderzusetzen. Ich wollte wenigstens ansatzweise verstehen, was mit ihm geschehen sein könnte. Ich wollte für mich herausfinden, ob ich der „queeren Bubble“ im Internet, die schon seit seinem Tod in Social Media, zum Beispiel unter YouTube Videos und Instgram-Beiträgen, fordert, Daniel als Frau zu lesen, Recht geben soll oder nicht.
Die von meinungsführenden Medien – die die queere Ideologie weitgehend übernommen haben – verbreitete Standardmeinung lautet seit einigen Jahren in etwa: Wer sagt, er ist trans, ist trans. Sofort und ohne Zweifel. Die Hintergrundgeschichte ist unwichtig. Das ist alles ganz normal und keine große Sache. Her mit den Hormonen und der operativen Geschlechtsumwandlung, und dann machen wir aus dem Mann fix eine Frau oder umgekehrt, er oder sie ist wieder glücklich und alles ist gut, außer dass Trans-Personen in der Gesellschaft noch immer nicht angemessen respektiert werden.
Aber ich hatte immer mehr Fragen, je tiefer ich in das Thema eintauchte: Wie viele Menschen sind denn eigentlich wirklich transident und benötigen tatsächlich eine soziale und medizinische Angleichung ihres Geschlechts? Wie viele Menschen sind hingegen innerlich verloren, weil unsere Gesellschaft seit Jahrzehnten einen fruchtbaren Nährboden schafft für innere Verlorenheit aller Art, und stoßen auf das in den letzten Jahren sehr medial präsente Trans-Thema auf der Suche nach einer Lösung für ihre seelischen Leiden? Und werden dann zu etwas ermutigt und hingeleitet, was ihnen am Ende gar nicht helfen wird, weil die Ursachen für ihr Unglück woanders liegen? Ist es für jeden vermeitlichen Trans-Menschen genau das Richtige, sofort mit einem neuen Namen angesprochen und Richtung Geschlechtsangleichung an die Hand genommen zu werden? Sollte eine solche Entscheidung, die das Leben und den Körper für immer verändert, nicht wirklich gut überlegt sein und in einem Zustand getroffen werden, in dem man zumindest einigermaßen psychisch stabil ist? Alleine mit solchen Fragen kann man heute schon anecken oder in die transphobe oder sogar rechtsextreme Ecke geschoben werden, und das ist sehr schade. Themen, die das Lebensglück und Seelenwohl von Menschen betreffen, sollte man immer von allen Perspektiven betrachten und durchdiskutieren dürfen.
Post-Trans, De-Trans: Wenn die Transition nicht die Lösung war
Ich fand heraus, dass es die sogenannte „Post-Trans“ oder auch „De-Trans“-Bewegung gibt, bestehend aus Menschen, die die Transition gemacht und danach bereut haben, und die mittlerweile sagen, eigentlich hätten ihre Probleme ganz woanders gelegen. Es gibt Instagram Gruppen zu diesem Thema mit Tausenden von Followern und Teilnehmern, die deutlich machen, was ihre eigentlichen Probleme gewesen sind: Verlorenheit, Hass auf den eigenen Körper (oft in Zusammenhang mit Essstörungen), sexueller Missbrauch im Kindesalter, der Wunsch, vor sich selbst zu flüchten, und so weiter.
Es gibt auch ein paar Personen, die sich in der Öffentlichkeit präsentieren und Interviews geben. Zum Beispiel Nele, die in mehreren Dokus zu sehen war, unter anderem sogar – man sehe und staune! – im Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk. Sie beschloss, begleitet von schweren Depressionen, eine Geschlechtsangleichung zu machen und fortan als Mann zu leben, und bereute das nach kurzer Zeit. Mittlerweile lebt sie wieder als Frau und sagt, sie sei damals gar nicht in der Verfassung gewesen, eine derart lebensverändernde Entscheidung zu treffen. Ebenso Sophie Ben James Griebel, die – basierend auf den Erfahrungen mit ihrer eigenen Transition – ein Buch geschrieben hat: „TransAgenda: Transgender – Der Kult der verlorenen Kinder“.
Der/die vielleicht bekannteste „De-Trans“-Vertreter/in ist Nadia/Christian Brönimann. Einst die bekannteste Trans-Frau der Schweiz, in den Medien gut bekannt, ist sie/er heute nach einem Jahrzehnte langen Leben als Frau der Meinung, dass die Transition ein Fehler war. Es hat mich berührt zu hören, als er/sie in einem der aktuellen Interviews (2025) sagte, er/sie würde alles dafür geben, den gesunden männlichen Körper auch nur für einen Tag zurück zu haben (diese Aussage befindet sich gleich im Intro, vielleicht weil sie eben so berührend ist). Es geht in diesen Interviews auch um die traumatischen Erlebnissen, die Christian als Kind und junger homosexueller Mann durchgelebt hat (extreme Vernachlässigung als Baby, Adoption in ein anderes Land, Mobbing, Ausgrenzung, toxische Sexualität, Prostitution). Am Detrans-Awareness-Day, den es mittlerweile sogar gibt, schrieb Christian/Nadia einen emotionalen Brief an seine/ihre Seele, die sich für einen Weg entschieden hatte, der nicht in die ersehnte Freiheit geführt hat.
Er/sie steht heute in engem Kontakt zu vielen Eltern von Teenagern, die sich als trans outen, und vertritt die Auffassung, dass nur ein sehr geringer Teil derjenigen Menschen, die sich trans fühlen, tatsächlich auch trans sind. Die allermeisten, so Christian/Nadja, bräuchten keine Geschlechtsangleichung, sondern eine intensive Auseinandersetzung mit ihrer Seele, so wie er es auch als junger Mann gebraucht hätte.
Gerne reden wir über Transsexualität und Geschlechteridentität. Gerne soll jeder so leben, wie es ihn glücklich macht. Gerne soll Transsexualität kein Tabu und sichtbar sein. Auf jeden Fall! Aber was, wenn es nicht glücklich macht? Wenn es nicht die Lösung ist, der Weg zum Seelenfrieden, nach dem ein innerlich verletzter, vielleicht hochsensibler, neurodivergenter, vielleicht „non-binärer“ oder auf sonstige Weise außergewöhnlicher Mensch sich so sehr sehnt?
Mich erinnern all diese Geschichten, die ich gefunden habe, wo die Transidentität am Ende doch nicht die Lösung war, ganz arg an Daniel. So arg, dass ich persönlich daran zweifele, dass er wirklich transident war.
Warum ich an Daniels Trans-Identität zweifele
Ich respektiere es, dass Daniel in seinen letzten Lebenswochen fest davon überzeugt war, eine Frau werden zu wollen und einen neuen Namen für sich selbst verwendet hat. Es wäre ungerecht, das unter den Tisch zu kehren. Aber mit all dem, was ich im Abschnitt „Post-Trans, De-Trans“ thematisiert habe, muss man sich, finde ich, auseinandersetzen, bevor man voreilig einem Menschen, der keinen Einspruch dagegen erheben und nichts mehr erklären kann, öffentlich die Identität wegnimmt.
Daniels Geschichte erinnert in ganz besonders zugespitzter Form an all die Erfahrungen, die die „Post-Trans“-Menschen von sich erzählen, die einst dachten, trans zu sein und dann merkten, dass sie eben doch nicht im falschen Geschlecht gefangen waren, sondern ganz andere Probleme hatten. Die Wahrscheinlichkeit, dass das bei Daniel auch so ähnlich gewesen sein könnte ist meiner Meinung nach zu hoch, als dass ich es für richtig halten könnte, dass wir ihn für immer hinter „Lana Kaiser“ verstecken sollten.
Denn Daniel wurde nicht einfach wohlüberlegt und allmählich zur Frau. Er machte keine therapeutisch begleitete Transition durch und nahm seine weibliche Identität in stabiler psychischer Verfassung an und ist dann leider zufällig kurz darauf verstorben. Nein, „Lana Kaiser“ war meines Eindrucks nach viel mehr der vorletzte Höhepunkt einer Lebenskrise, eines Dramas, zu dem ein emotional aufwühlendes Schauspielstudium mitsamt einer besonders verstörenden, herausfordernden Rolle (die sogar eine Trans-Rolle war!) ebenso gehörte wie Alkoholmissbrauch, Kontaktabbruch zu Nahestehenden, gewalttätiges Verhalten und sogar eine psychiatrische Diagnose. Der letzte Höhepunkt, nur wenige Wochen nach „Lanas“ Manifestation, war dann der Sprung ins Meer.
Daniels Leben – oder das, was öffentlich davon bekannt ist – will ich jetzt natürlich an dieser Stelle nicht nacherzählen. Der erwähnte Podimo-Podcast ist die wohl beste Quelle, wenn man erfahren möchte, wie Daniels Leben und seine letzten Monaten verlaufen sind. Wobei die kurze Stern TV Reportage mit Daniels Papa auch aufschlussreich ist.
Geschlechter-Stereotype wollten wir ja eigentlich hinter uns lassen – oder?
Ich finde, man sollte sich angemessen an Daniel Küblböck erinnern. An seinen kompletten Werdegang, der nun einmal aus einem 33 Jahre dauernden Leben als Junge bzw. Mann bestand und zu dem auch sein explizites Bemühen um ein männliches Auftreten nach der Androgynität in den Teenager-Jahren gehörte. Viele Transaktivisten fahren die Schiene: Schaut ihn euch an in jungen Jahren! Der hat das Mädchen doch schon damals in sich gehabt und es dann später nur unterdrückt.
So zum Beispiel diese Kommentare:


Ich persönlich finde, dass das auch in der ARD-Doku mitschwingt. Aber das ist meiner Meinung nach allenfalls eine Möglichkeit, und ich sehe eigentlich keine eindeutigen Anzeichen dafür, dass Daniels „Wahres Ich“ letztendlich eine Frau war und er als eine solche glücklich geworden wäre.
Daniel war ja nicht der erste und einzige Mann, der in jungen Jahren mit mädchenhaftem Aussehen provoziert und das dann später abgelegt hat. Ganz viele von den wilden Idolen meiner Teenager-Jahre haben das gemacht. Jeder einzelne von ihnen würde mit seinem damaligen Auftreten heute locker als „queer“ durchgehen. Aber auch sie sind erwachsen geworden und haben ihre Mädchenhaftigkeit abgelegt. Brian Molko (Placebo) trägt heute, mit über 50, einen Schnauzbart anstelle von Lippenstift und Strumpfhosen. Gerard Way (My Chemical Romance) hat auch viel von seiner femininen Aura verloren, außer den zarten Gesichtszügen. Billy Martin (Good Charlotte) ist jetzt immer ungeschminkt. Und der einst mega-androgyne Emo-Boy Sonny Moore (From First To Last), mittlerweile weltbekannt als Skrillex, ist sowieso nicht wiederzuerkennen.
Geschlechterrollen klar zu definieren sollte doch eigentlich sowieso mittlerweile Schnee von vorgestern sein. Klar trug Daniel damals manchmal Schminke und feminine Kleidung. Klar hat er in seiner Autobiografie geschrieben, dass er gerne mit Barbie und Ken gespielt hat, Arielle die Meerjungfrau mochte und mit Mädchen besonders gut ausgekommen ist. Na und? Wir kaufen männlichen Babys ja auch keine blauen Strampler mehr und Weiblichen rosafarbene. Wir reden doch auch immer davon, kleinen Kindern ja keine Geschlechterrollen á la „Mädchen spielen mit Puppen und Jungs mit Autos“ aufzudrücken. Meine Töchter spielen mit Barbiepuppen und mit Transformers und lieben es, mit ihrem Papa Actionfilme zu gucken. Sie verkleiden sich manchmal als Prinzessinnen und wühlen sich an anderen Tagen im Gebüsch durch den Dreck. Das ist doch gut so, dieses „typisch Mädchen“ und „typisch Jungen“ Ding braucht doch kein Mensch mehr. Wir wollen doch auch, dass junge Männer Erzieher werden (so wie Daniel es fast geworden wäre) und junge Frauen technische Berufe erlernen, um diese starren Geschlechterrollen aufzulockern. Wir wollen, dass Männer kochen können und sich um Babys kümmern. Wir wollen, dass Frauen Dinge reparieren können. Und das finde ich alles richtig.
Eigentlich irritieren mich Männer in Frauenkleidung überhaupt nicht – als langjähriges Mitglied der Gothicszene weiß ich, dass da manche Männer gewisse Vorlieben haben, die sie nicht immer offen zur Schau stellen können und vielleicht auch nicht wollen, auf Festivals und anderen Szeneveranstaltung aber schon. Vielleicht leben sie damit etwas aus, das im Alltag zu kurz kommt, vielleicht macht der besondere Anlass aber auch den Reiz aus. Ich weiß es natürlich nicht.
Ich finde auch Daniel in seinen Frauenkleidern hübsch, wenn er auf den auf Instagram veröffentlichten Fotos nur nicht diese unendlich traurigen, fast schon unheimlichen Augen hätte. Vielleicht wäre als nächstes ja tatsächlich eine Lebensphase bei Daniel an der Reihe gewesen, in welcher seine feminine Seite wieder die Regie übernommen hätte. Den jungen Daniel, der mit Schminke und mädchenhafter Kleidung kokettiert hat, wieder als Teil seines Selbst angenommen hätte, nachdem er ihn einige Jahre lang eventuell ein wenig abgelehnt hat (da gibt es zum Beispiel ein Interview mit Frank Elsner, wo er sagt, sein Auftreten als 17-Jähriger sei „schrecklich“ gewesen). Das wäre doch total in Ordnung gewesen.
Aber braucht es dafür einen neuen Namen, Hormone und eine geschlechtsangleichende Operation? Mein Gefühl sagt: Da hat er sich eher aus Verzweiflung – worüber auch immer – in etwas verrannt und hätte das am Ende nicht getan. Oder es später womöglich bereut. Und genau deshalb wird für mich persönlich Daniel immer Daniel bleiben. Und weil die Person, an die ich mich gerne erinnere, die lebensfrohe Fernsehauftritte hatte, tolle Lieder gesungen und so viele spannende, inspirierende Dinge ausprobiert hat, ein außergewöhnlicher junger Mann war. Der auf mich als Kind kurz vor dem Teenageralter eine richtungsweisende Wirkung hatte, die bis heute anhält (man muss nicht so sein wie die anderen) und den ich nicht vergessen möchte. Und auch nicht ersetzen, solange ich nicht aus seinem eigenen Mund, öffentlich, selbstsicher und in gesunder, stabiler emotionaler Verfassung, höre, dass er die wohlüberlegte und nachhaltige Entscheidung getroffen hat, nicht mehr „Daniel Küblböck“ genannt werden zu wollen. Und das wird nie passieren.
Was bleibt, sind offene Fragen – und Daniels Musik
Jeder, dem Daniel etwas bedeutet hat, darf letztendlich seine eigene Sicht auf die Dinge haben, denn es gibt keine Antworten – zumindest keine öffentlichen, aber vielleicht sogar schlicht gar keine – auf die Fragen zu Daniels Lebensende und all den Geschehnissen, die dem vorausgegangen sind. Aber darüber möchte ich auch eigentlich gar nicht mehr nachdenken, es ist vergeblich und macht mich nach bald acht Jahren immer noch traurig. Mir soll es recht sein, wenn Menschen aus der „queeren“ oder „woken“ Community in ihm eine Trans-Frau sehen. Nur wenn die ARD das unkritisch einfach übernimmt, dann finde ich das zweifelhaft und fühle mich manipuliert.
Heute in meinen 30ern hab ich jegliche Genre-Grenzen überwunden und höre alles an Musik, was mich berührt. Viele von Daniels Songs, von denen ich viele erst posthum kennengelernt habe, finde ich sehr berührend. Ich höre sie gerne und sehe Daniel gerne in alten Aufnahmen strahlen und singen. All das ist für mich untrennbar mit seinem Namen verbunden. Ich weiß nicht, wer er am Ende war. Vielleicht Lana Kaiser. Das will ich gar nicht ausschließen. Aber als er mich in seinen Bann gezogen hat, als ich noch ein Kind war, und als er Jahre später all die schönen Songs geschrieben und vorgetragen hat, war er Daniel Küblböck.
Hier noch – als kleines Denkmal – ein paar schöne Performances und Songs von Daniel:
- DSDS Top 10 Kandidaten: We Have A Dream (live, My Superstar Mottoshow, DSDS, 2003)
- Daniel Küblböck: Tragedy (live, Musical-Mottoshow bei DSDS, 2003)
- Daniel Küblböck: Pretty Woman (ab Minute 16:30) und Born To Be Wild (ab Minute 39) (live, Halbfinale DSDS, 2003)
- Daniel Küblböck mit Juliette Schoppmann und Alexander Klaws: Cry On My Shoulder (live, Ab Minute 50:00) (DSDS Halbfinale)
- Daniel Küblböck: Warum (Pop-Version, 2005)
- Daniel Küblböck: Warum (live Jazz-Version, Jazz-Night DVD, 2006)
- Daniel Küblböck: Born in Bavaria (live Jazz-Version, Jazz-Night DVD, 2006)
- Daniel Küblböck: Anytime We Touch (live Ausschnitt, 2010) (oder das Stück komplett, aber ohne Video und in etwas schlechterer Aufnahmequalität: Anytime We Touch 2009)
- Daniel Küblböck: Mutter (2010)
- Daniel Küblböck: Seele (live, 2011, Schrebergarten-DVD)
- Daniel Küblböck: My Way (live, 2011, Schrebergarten-DVD)
- Daniel Küblböck: Kannst Du Nicht Verzeihn (live, 2011, Schrebergarten-DVD)
- Daniel Küblböck: You Drive Me Crazy (live in der Ultimativen Chartshow, 2011)
- Daniel Küblböck: Berlin (2012, Musikvideo)
- Daniel Küblböck: Eres Amor (live, 2015)
Die Küblböck-Story und weitere Dokus und Sendungen über Daniel Küblböck:
- Die Küblböck-Story: Eure Lana Kaiser
- Ein Mensch verschwindet: Daniel Küblböck (zehnteiliger Podcast von Podimo. Manchmal ein bisschen aufdringlich woke, aber sehr informativ)
- Daniel Küblböck: Die Tragik des Lebens von Lana Kaiser (RTL-Doku, ebenfalls mit Trans-Frau-Framing, aber nicht so penetrant wie beim ARD. Außerdem ist RTL ein Privatsender, den muss ich nicht bezahlen, also darf er auch eher seine bevorzugte Ideologie einstreuen.)
- Günther Küblböck: Warum sich Daniels Vater so machtlos fühlte (sternTV-Doku, die Daniels psychische Probleme und den Rettungsversuch von Daniels Vater in den Vordergrund stellt)
- Daniel Küblböck verschwand auf See: Sein Vater warnte die Crew (sternTV-Doku über Daniels Leben, angenehmerweise ohne Trans-Frau-Framing, ohne dieses Thema aber auch zu verheimlichen)